The Avengers – a few thoughts

Comic-Verfilmungen haben, insbesondere aufgrund des betagten Alters ihrer Vorlagen, fast durchgängig erstaunlich rückschrittliche Botschaften parat. Nach besonders emanzipatorischen Figuren- und Geschlechterkonstellationen sucht mensch dabei im Regelfall genauso vergebens, wie nach gesellschaftskritischen Inhalten – und nein, fortschrittsfeindlicher Kulturpessimismus fällt sicher nicht in diese Kategorie.
Umso überraschender, dass sich ausgerechnet Joss Whedon auf einmal dem Genre annimmt: Als Autor der Serien Buffy und Dollhouse gilt Whedon als Regisseur, der es wie wenig andere versteht emanzipatorische Botschaften in popkulturellen Werken unterzubringen.
Was fängt Whedon aber bitte mit den Avengers an: der moralisch unantastbaren Marvel-Sondereinsatztruppe, bestehend aus dem unverbesserlichen Patrioten Captain America, einem muskelbepackten germanischen Donnergott Thor, dem durch und durch machistischen Waffenproduzenten Iron Man, der einzigen weiblichen Figur und Femme Fatale Black Widow, ihren Spezialagenten-Kollegen und einem wütenden, grünen Monster?
Das emanzipatorische Potential mutet da doch etwas überschaubar an.
Umso erstaunlicher, dass es sich Whedon offenbar nicht nehmen lässt in dem begrenzten Rahmen, den das Setting bietet, die ein oder andere emanzipatorische Note unterzubringen und – was keine Selbstverständlichkeit ist – die regressiven Fettnäpfchen auslässt, die sich in dem Genre aufdrängen – womit er mit einigen wichtigen Erzählkonventionen des Comics bricht.

[Spoilerwarnung]

Die Avengers: Helden wider Willen

Machist und Waffenproduzent: Tony Stark alias Iron ManDas emanzipatorische Moment das den ganzen Film durchzieht – abgesehen von einem traurigen Entgleiser am Ende – ist die Absage an den Heldenmythos. Der Plan von Nick Fury, dem düsteren S.H.I.E.L.D. – Geheimdienstchef, eine schlagkräftige Armee von Helden aufzustellen gestaltet sich als schwierig: Niemand hat Lust mitzumachen. Der Hulk hat nachvollziehbar wenig Bedürfnis sich mit seinen einstigen Häschern zusammen zu tun, Iron Man lehnt kategorisch seine Anstellung als „Held“ und „Soldat“ ab, Thor kann zwar Heroismus eine Menge abgewinnen, interessiert sich aber herzlichst wenig für irdische Angelegenheiten, Black Widow lässt sich nur überreden mitzumachen um ihren Kameraden Hawkeye zu retten und Captain Americas Enthusiasmus ist ebenfalls sehr überschaubar.

Loki: Der jämmerliche Hitler.

Soldat und Patriot: Captain AmericaKommen wir zur Feindbestimmung: Aus allen Bösewichten die bei diesem Klassentreffen der Comic-Universen zur Verfügung stehen, stellt sich nicht der Kommunistennazi Red Skull aus Captain America, keine arabischen Terroristen aus Iron Man und auch kein fieser Superkonzern aus The Incredible Hulk den Avengers entgegen und letztlich auch kein fieser Krimineller (das beliebteste Feindbild im Comic-Universum – Sinnbild der einzig wahren Bedrohung der guten, friedlichen, gerechten bürgerlichen Welt), sondern der gleichermaßen uncharismatische, wie unspektakuläre Loki – Thors Adoptivbruder aus der germanischen Götterwelt Asgard.
Hat Loki schon in der Thor-Verfilmung ein eher klägliches Bild abgegeben, fällt es in Avengers schwer ihn überhaupt als Kontrahenten ernst zu nehmen. Seine Spezialfähigkeiten bestehen darin Menschen zu korrumpieren und sich ansonsten besonders geschickt zu verstecken. Seine Macht schöpft sich aus einem diffusen Bündnis mit den Chitaurii, kriegerischen Aliens, die aber lustigerweise die Invasion der Erde eigentlich todlangweilig finden.
Es gibt also keinen erschütternden Gegenspieler der sich – im klassischen Comic-Motiv – nur mit geballter und ungehemmter Heldenmacht zerschlagen lässt. Stattdessen vertreiben sich die Avengers die Zeit damit hilflos herumzutapsen und Loki zu suchen um die Apokalypse zu verhindern.
Loki wird aber über sein Rachemotiv hinaus – wenig überzeugend – zum politischen Gegner aufgebaut: Seine semiphilosophischen Auslassungen erklären „Freiheit“ zum abschaffungswürdigen Übel und dem menschlichen Bedürfnis nach Unterwerfung, widerlegt er sich gleich selbst, als sich ihm dann doch niemand unterwerfen möchte. Captain America bleibt der Lobgesang auf die Freiheit überlassen, der es sich leider nicht nehmen lässt Loki zum neuen Hitler zu erklären – und banalisiert damit den Faschismus zum reinen individuellen Herrschaftsstreben.
Femme Fatale: Black WidowDiese etwas stiefmütterliche Inszenierung bürgerlicher Freiheit steht aber im Nervfaktor noch zurück hinter Captain Americas Friedensschluss mit den Deutschen von Stuttgart, der ihn von Captian America zum Captain Humankind werden lässt.
Für eine weitere Entgleisung steht aber auch schon Thor bereit: Als rechtmäßiger König von Asgard erklärt dieser im Wortgefecht mit Loki dem aufmerksamen Publikum, was ihn zum Herrscher qualifiziert und was gerechte Herrschaft ausmacht. Dabei reproduziert er die historische, obsolete, absolutistische Ideologie vom Tyrannen und gerechten Herrscher. Skurril.

Trouble in der Kommandokette

Grün und sauer: HulkSchnell stellen die Helden wider Willen fest, dass sie ihren Chefs genauso wenig über den Weg trauen, wie sie Lust haben sich als Söldner verheizen zu lassen. Iron Man punktet mit seiner Bekräftigung „Wir sind keine Soldaten!“, der Hulk bezieht sein Misstrauen aus seinen früheren Erfahrungen mit S.H.I.E.L.D. Captain America ist der einzige an dem ernsthafte Überzeugungsarbeit zur Desertation betrieben werden muss. Der Samen des Misstrauens ist fruchtbar und Captain America deckt die Massenvernichtsungswaffenproduktion und militärischen Interessen seines Vorgesetzten im Kampf gegen Loki auf. Der loyale Soldat und standhafte Patriot sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, dass seine Kommandeure gar nicht so nett sind, wie sie sollten.
Die fünf stellen sich die berechtigte Frage, warum sie überhaupt für den gruseligen Mann mit der Augenklappe arbeiten, während sie selbst doch alles mitbringen, was im Kampf gegen Loki notwendig ist und büchsen aus. Diesen Plot der Selbstermächtigung brachte Whedon schon in Buffy zum Einsatz, als Buffy aus der Erkenntnis der eigenen Unverzichtbarkeit heraus das hierarchische Verhältnis zwischen sich und dem Watchers Council einfach radikal neu definiert.
Es kommt zum großen Showdown in New York, das zum Kriegsgebiet zwischen den Avengers und den invasionierenden Chitaurii wird. Aus dem neu gelernten Wissen um die Ambivalenz von Kommandoketten lässt es sich Captain America nicht nehmen, die verdutzte New Yorker Polizei einfach zur Rettung der ZivilistInnen abzukommandieren.
Doch auch weiter oben geraten die Befehlsstrukturen mächtig durcheinander: S.H.I.E.L.D.-Chef Nick Fury pfeift auf das Kommando, den Kampf in New York zu einem nuklearen Ende zu führen und es kommt zu einem Wettlauf zwischen S.H.I.E.L.D. und dem Sicherheitsrat.

Politische Achterbahnfahrt

germanischer Kriegsgott: ThorBesonders hervorhebenswert erscheint mir, dass Avengers auf die obligatorische Liebesgeschichte verzichtet (wir reden von einer Comic-Verfilmung!). Keine Prinzessin die gerettet werden muss, keine WaffengefährtInnen die zueinander finden. Keine Zelebrierung des bürgerlichen Glücksversprechens der romantischen Zweierbeziehung, keine heterosexistische Normativität die bekräftigt werden muss.
Die einzige beleuchtete Beziehung wird einfach bruchlos aus dem Vorläufer Iron Man übernommen und nicht weiter vorangetrieben. Selbst die sich regelrecht aufdrängende Wiedervereinigung von Thor und seiner menschlichen Gefährtin wird betont ausgespart, Hawkeye und Black Widow, zwischen denen es immer wieder ein bisschen knistert, werden überhaupt nur in einer Szene miteinander konfrontiert und Black Widow rettet ihn nicht etwa aus Liebe, sondern weil sie ihm schlicht etwas schuldig ist.

Schade wiederum, dass Avengers gerade im Fanal mit der durchgängigen Botschaft gegen Aufopferungsbereitschaft radikal bricht: Iron Man entdeckt endlich seine heroische Ader und wirft sich in bester Landser-Manier auf die Atombombe, die New York zerstören soll.
Dagegen sticht jedoch die Auflösung wieder angenehm hervor: Die Avengers schmieden nicht etwa wie in der Vorlage eine schlagkräftige Heldentruppe um auf der ganzen Welt gemeinsam die Menschheit zu beschützen, sondern hängen so schnell es nur geht das Heldenkonstüm an den Nagel, um ihr eigenes Leben weiter zu leben. Sei das nun in der dritten Welt Kinder zu verarzten, neue Wolkenkratzer zu bauen oder schlicht und einfach nach Hause zu gehen.
Ihr Bedürfnis nach Heldentum haben die Ereignisse schließlich doch nicht erwecken können. Ein angenehmer Ausklang.


3 Antworten auf „The Avengers – a few thoughts“


  1. 1 Christian R. Conrad 12. Juni 2012 um 11:20 Uhr

    „…muskelbepackten germanischen Kriegsgott Thor…“

    Donnergott, nicht Kriegsgott. Der Kriegsgott war Tyr/Tiwaz: https://de.wikipedia.org/wiki/Tyr .

    HTH!

  2. 2 cosmonautilus 12. Juni 2012 um 15:30 Uhr

    Danke für den Hinweis.

  3. 3 cosmonautilus 20. Juli 2012 um 15:51 Uhr

    Eben bin ich über die Tatsache gestolpert dass Joss Whedon offenbar tatsächlich ausgeprägte Ambitionen hatte die Emanzipation ins Comic-Universum zu tragen mit der geplanten Kino-Umsetzung von Wonder Woman 2007. Leider ist das Projekt wegen unterschiedlicher Vorstellungen zwischen Whedon und DC gescheitert. Ein*e Schelm*ein der*die Böses dabei denkt.

    Auf LadiesMakingComics wird dieser Vorgang zynisch wiedergegeben:
    http://www.ladiesmakingcomics.com/post/26940187555/the-final-word-on-why-marvel-movies-dc-movies

    Seine Affinität für Comics wird Whedon aus den Comicfortsetzungen der Buffy-Serie gewonnen oder ausgelebt haben, die unter dem Titel Buffy: The 8. Season bei Dark Horse Comics erscheinen. Mittlerweile gibt es wohl sogar eine animierte Umsetzung der Comics.

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