Glitzer-Kritik
…oder die Entgrenzung von queer geht zu weit

Wenn auf dem tCSD Hetero-Paare Händchen haltend durch die Glitzer-Schwaden ziehen, wenn mir die gleichen Macker dort begegnen wie auf jeder normalen Antifa-Demo auch, wenn Glitzer und rosa Handtasche in Szene-Kneipen und anderen linken Räumen zum Coolness-Faktor werden – dann wird dies oft als queer verstanden und gelabelt.

Queer – ein Begriff der Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität in Frage stellt?!

Als queer bezeichnen sich Menschen, die ihre sexuelle Orientierung und/oder ihre Geschlechtsidentität als quer zur vorherrschenden Norm beschreiben. Die vielfältige Bedeutung von queer sollte allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass queer alles ist, nur nicht hetero, dass queer als Sammelbegriff für all jene dient, die sich außerhalb der Norm bewegen: Und das sind immer noch Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle (LGBTI). Aber alternativ-lebende heterosexuelle CIS-Männer- und Frauen1 eher weniger.2

Queer wird Interessen von LGBTI nicht mehr gerecht, wenn Queer-Sein nicht mehr als sexuelle Identität oder Geschlechtsidentität, sondern als ein „irgendwie-dazwischen“ erscheint. Das irgendwie-queere Dasein initiiert dabei aber wiederum nur eine postmoderne Heterosexualität. Diese oder auch gendersensible Sprache entschuldigt dann schnell mal das Ausleben der eigenen Männlichkeit, die eigene dominante Stellung muss nicht mehr hinterfragt werden und festigt sich.

Wenn sich der Begriff „queer“ im politischen Kampf eignen soll, dann kommt es darauf an, WER ihn bedient und sich aneignet und wozu er benutzt wird. Weder ist queer als Kurzform für schwul/lesbisch zu verstehen, noch bezeichnet es alle Sexualitäten und Geschlechter.

Es ist natürlich absolut begrüßenswert, wenn Geschlechternormen und Stereotypen aufgebrochen werden. Dadurch, dass sich queere Labels durchsetzen, kann jeder Typ, der Bock hat, sich zumindest in seinem alternativen Umfeld die Fingernägel lackieren oder mit einem Typen tanzen. Das Ausprobieren und Sich-Herantasten macht Grenzüberwindung einfacher. Viele, die sich vorher unsicher waren, sich nicht getraut haben, oder einfach unerfahren sind, sich noch nicht ausprobiert haben, können über einen Raum, in dem Mann eben Schwul-Sein ausprobieren kann, aber sich in der nächsten Sekunde in die Heterosexualität zurückbegeben kann, viel über sich lernen. Solchen Herantast-Moment kann Mann wohl in keiner Schwulen-Bar erleben, kein „schwuler“ Raum könnte solch einen „Rückzug“ bieten.

Dies alles darf aber nicht dazu führen, dass der Begriff „queer“ zum neuen Szene-Code wird. Zum einen führt die Assoziation „queer = cool“ zu einem Ausschluss all jener, die die als queer assozierten Accessoires und Attitüden nicht leben (durchaus aber auch außerhalb der Heteronormativität leben können). Zum anderen ist eine begriffliche Unterscheidung in Heterosexuelle und Nicht-Heterosexuelle (LGBTI) notwendig, um Herrschaftsverhältnisse aufzudecken und zu bekämpfen. Genauso wichtig ist es in diesem Zusammenhang (!), zwischen „Männern“ und „Frauen“ zu unterscheiden. Die Feststellung, dass Geschlecht eine sozial konstruierte Kategorie ist, bewirkt noch nicht die Abschaffung von Geschlechterrollen. Genauso wenig wie also die Konstrukte „weiblich“ und „männlich“ durch ein Verqueeren ihre Wirkungsmächtigkeit verlieren, tun dies Kategorien wie homosexuell und heterosexuell.

Bunt lackierte Fingernägel und „Hello-Kitty“-Haarspangen können in der U-Bahn, im Kaufhaus oder auf der Straße zwar abwertende Kommentare und Stigmatisierungen auslösen, aber führen in der Regel weniger zu transphoben Übergriffen. Queerer Style kann im Notfall immer abgelegt werden, lesbische und schwule Lebensweisen nicht. Genauso wenig bedeutet queerer Style ein Coming-Out: Keine Gedanken wie „Kann ich meinen Freund zum Betriebsausflug mitnehmen?“ oder „Wie sag‘ ich’s ihnen?“ oder Erwartungshaltungen erfüllen zu müssen, endlich mal eine Freundin mit nach Hause zu bringen. Für eine Herrschaftsanalyse müsste ich hier also klar unterscheiden zwischen sich queer labelnden und queer lebenden Menschen. Der Versuch, mit dem Begriff „queer“ Identitäten aufzulösen und Normen in Frage zu stellen, scheitert dann, wenn queer zu einer neuen Identität wird, die plötzlich alle Menschen umfasst, sich aber von Identitäten wie schwul und lesbisch abgrenzt. „Wo es keine antagonistisch verfassten Gegensätze mehr zu geben scheint, verfließen die multiplen »Sexualitäten« und »Identitäten« in einer verlogen-kuscheligen, unspezifischen Solidarität.“3

Die Frage nach dem Umgang mit queerer Coolness ist zwar ein neues Thema hinsichtlich sich queer labelnder Männer, aber in der Lesbenszene schon lange bekannt. Mit Bemerkungen wie „Frauen sind einfach zärtlicher“ oder „Ach, ich knutsch auch gern mal mit ’ner Frau rum“ stellen sich sogenannte Partylesben vor. Solch ein „Coming-Out“ ruft bei Personen, die Erfahrung mit Diskriminierung gemacht haben, oft Unverständnis und das Gefühl, nicht verstanden zu werden, aus.
Es ist bestimmt nicht verkehrt, der besten Freundin oder dem besten Freund mal ein paar queere Bekannte vorzustellen, aber Hetero-Räume gibt es schon genug. Oder um’s auf den Punkt zu bringen: Heteros und Heteras sollten sich in queeren Räumen zurückhalten, denn schließlich können sie sich überall sonst ausleben. Des Weiteren könnte eine Reflexion über das eigene Verhältnis zwischen queerem Style und wirklicher Lebensweise dabei helfen, heteronormative Verhaltensweisen aufzudecken und sich nicht auf der eigenen rosa Haarspange auszuruhen.

  1. Der Begriff Cisgender bzw. Cissexualität wurde als Gegenbegriff zur medizinischen Diagnose Transsexualität geprägt, um Menschen beschreiben zu können, die eine Übereinstimmung von biologischem und psychischem Geschlecht erleben. [zurück]
  2. Zum Beispiel gehen die Wurzeln der Polyamorie-Bewegung auf queere Strömungen zurück, dies bedeutet aber nicht, dass polyamorös lebende Menschen zwangsläufig queer sind. Für Männer im Patriarchat ist eine polyamoröse Lebensweise noch keine Normbrechung: (Poly-) Männer werden in der Gesellschaft im Gegensatz zu Frauen als besonders toll betrachtet, wenn sie viele Frauen „gefickt haben“. [zurück]
  3. Magnus Klaue: Weicher werden. Der urbane Mann von heute labert jede Frau in Reichweite mit Queer Theory voll und bekennt sich zu seinen weiblichen Seiten. Ist er deshalb progressiv? Jungle World Nr. 6, 9. Februar 2012. [zurück]

2 Antworten auf „Glitzer-Kritik
…oder die Entgrenzung von queer geht zu weit


  1. 1 morchel 16. Februar 2013 um 13:14 Uhr

    Toller Artikel!

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