Mit dem Bus nach Fledermausland

Rassimsu tötet Die Kampagne Rassismus Tötet beschränkt sich nicht auf die Thematisierung der Ereignisse vor 20 Jahren in Rostock-Lichtenhagen, sondern rückt schon seit über einem Jahr die Pogrome, Morde und Übergriffe in allen möglichen Städten der Bundesrepublik in der Nachwendezeit in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Denn Lichtenhagen war kein Einzelfall, sondern nur der Höhepunkt einer Welle rassistischer Gewalt. Eine unüberschaubare Zahl von Übergriffen auf tatsächliche oder vermeintliche Ausländer*innen, zahlreiche Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und pogromartige Ausschreitungen in Mölln, Solingen und anderen Städten waren die Folge eines zutiefst rassistischen öffentlichen Asyldiskurs in dessen Verlauf das Grundrecht auf politisches Asyl abgschafft wird.

Damals

Doch den ersten großen Auftakt in dieser Serie bildet das Pogrom von Hoyerswerda. Dabei stand dieses Pogrom in seiner Intensität dem in Lichtenhagen nur in wenig nach. Im Zeitraum von 4 Tagen im September 1991 rotteten sich bis zu 500 gewalttätige Rassist*innen zusammen und belagerten ähnlich wie ein Jahr später in Lichtenhagen ein Vertragsarbeiterwohnheim und eine Asylunterkunft. Auch hier konnte oder wollte die Polizei nicht viel mehr ausrichten als die Vertragsarbeiter*innen und Flüchtlinge viel zu spät zu evakuieren. Zynischerweise folgte für die meisten die baldige Abschiebung.

Danach

Doch im Gegensatz zu Rostock steht die Stadt Hoyerswerda nach wie vor wie keine andere als Sinnbild von Rassismus und Nazismus in der Bundesrepublik. Die Stadt ist bis heute ein Zentrum nazistischer und rassistischer Strukturen. Die JN, die NPD und Freie Kameradschaften können frei agieren. Die Aufarbeitung der Ereignisse ist kläglich: Erst 15 Jahre nach dem Pogrom errichtet die Stadt eine Gedenkstele mit der bemerkenswerten Inschrift: „Im Gedenken an die extremistischen Ausschreitungen von September 1991“. Bemerkenswert darum, weil diese Stele nicht von einem Pogrom spricht, sondern dieses als Ausschreitungen verharmlost, sich scheut den Begriff „Rassismus“ zu verwenden und mit dem Begriff „Extremismus“ auch noch in die Kerbe der sogenannten Extremismustheorie schlägt, die die vermeintlichen Extreme der Gesellschaft, nach dieser Logik also linke, islamistische und rechte Gruppen gleichsetzt. Zum Gedenken an ein Pogrom dem sich ausschließlich linke und antirassistische Gruppen mit einer Großdemonstration in Folge des Pogroms entgegengestellt haben errichtet die Stadt also ein Mahnmal dass sich unter anderem genau gegen jene richtet.

Die Kontinuität der Blindheit, Verharmlosung und Relativierung von Rassismus und Nazismus und deren Präsenz in Hoyerswerda ist ungebrochen.
Im Letzten Jahr jährte sich das Pogrom zum 20ten Mal. Anlässlich des Jahrestags kehrten ehemalige Bewohner des Vertragsarbeiter*innenheims und Opfer des Pogroms, welche abgeschoben wurden nach Deutschland zurück und besuchten gemeinsam mit einem Kamerateam des WDR die Kleinstadt um zu schauen was sich getan hat. Auf dem Weg durch die Stadt wurden sie nicht nur von Nazis bedroht und beleidigt, sondern auch von ganz normalen Bürger*innen beschimpft und zur Rede gestellt, was sie denn in Hoyerswerda zu suchen hätten. In der Folge bagatellisiert der CDU-Bürgermeister Skora in einem Interview mit dem Deutschlandradio Kultur die Vorfälle und sucht die Schuld bei der vermeinlich provokativen Anwesenheit der Flüchtlinge und des Kamerateams.
Die Initiative Pogrom 91 veranstaltete als Teil des Bündnis Rassismus Tötet am Jahrestag des Pogroms eine Demonstration in Hoyerswerda. Mit offenen Armen empfangen zu werden hatte niemand erwartet. Was den Veranstalter*innen aber von der Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft entgegenschlug war demonstrative Ablehnung, der sich an dem Begriff „Pogrom“ stört, welches die Bewohner*innen von Hoyerswerda beleidige und lieber von Ausschreitungen sprechen möchte.
In diesem Jahr veranstaltete die Linksjugend Sachsen eine Info-Tour namens Provinzparade in deren Verlauf Aktivist*innen auch Hoyerswerda besuchten um einen Dokumentarfilm über die Pogrome im Linkspartei-Büro vorzführen. Schon zuvor war das Büro Ziel nazistischer Angriffe gewesen. An diesem Tag jedoch belauerten den gesamten Aufenthalt über eine Horde Nazis die Linksjugend-Aktiven, beleidigte sie und skandierte „Hoyerswerda bleibt braun“. Die Polizei sah keinen Anlass die Nazis zu vertreiben oder die Veranstaltung sinnvoll abzuschirmen, sondern legte vielmehr den Aktivist*innen nahe ihre Veranstaltung abzubrechen. (Pressemitteilung der Linksjugend).

Heute

Am 01.09.2012 veranstaltete das Bündnis Rassismus Tötet erneut eine Demo in der Stadt unter dem Motto „Keine Ruhe für Hoyerswerda“ um der Stadt nach dem Ende des 20. Jahrestags keine Pause zu gönnen bei der Relativierung der rassistischen und nazistischen Probleme und eine kontinuierliche Aufmerksamkeit und konstanten Druck aufrecht zu erhalten, aber auch um Forderungen zu konkretisieren – etwa die Forderung nach einer finanziellen Entschädigung der Opfer des Pogroms.

Eine gute Einstimmung auf Hoyerswerda lieferte bereits die Anfahrt aus Berlin. Aufgund einer einstündigen Zugverspätung verpassten die etwa 80 Anreisenden aus Berlin ihren Anschlusszug in Cottbus und durften sich zusammen mit den gewöhnlichen Fahrgästen in einen kleinen Linienbus quetschen, um anderthalb Stunden durch die brandenburgische und sächsische Pampa zu zuckeln.

Die Demonstration verlief ohne Zwischenfälle. Was sich jedoch links und rechts vom Demonstrationszug bot war die traurige Realität sächsischer Kleinstadtverhältnisse Marke Hoyerswerda. Im Plattenbaugebiet rund um den Ort des Pogroms ’91 glotzten teilnahmslose Zuschauer auf die Demonstration herab – oder plärrten mit Beschimpfungen gegen den Lautsprecherwagen an. Gelegentlich reckten Bewohner*innen ihre Mittelfinger gegen den Demonstrationszug und auf einem Balkon ließ es sich ein Päärchen im mittleren Alter nicht nehmen die Demonstrierenden mit Hitlergrüßen zu empfangen. Auf einem LIDL-Parkplatz vor dem ehemaligen Vertragsarbeiter*innen-Heim versammelte sich eine Horde Nazis, die sich schon Tage zuvor selbstbewusst im Internet angekündigt hatten, brüllten „Frei! Sozial! Und National!“ und drohten den Demonstierenden mit der Vernichtung indem sie ankündigten: „Wir bauen eine U-Bahn, von Hoyerswerda nach Auschwitz“.


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