Who The Fuck is John Galt?
…oder Wer Batman und Mitt Romney vereint

Ayn Rand, Bruce Wayne und Mitt Romney

Die kurze Antwort auf die zweite Frage lautet: Ayn Rand, 1905 in Russland geboren, 1926 nach der sowjetischen Oktoberrevolution nach New York immigriert und die erfolgreichste politische Schriftstellerin der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Die längere Antwort lautet so:

Ayn Rands Objektivismus

Ayn Rand begründete mit ihren Werken eine philosophische, politische und ethische Gedankenwelt, welche von ihr und ihren Anhänger*innen etwas überheblich „Objektivismus“ getauft wurde und zu einer der einflussreichsten Stichwortgeberinnen moderner kapitalistischer Ideologie wurde. Für die wesentlichsten Elemente heutiger bürgerlicher Ideologie, welche sich durch ihre Dominanz und Omnipräsenz kaum markieren und umreissen lässt legte sie das Fundament.

In einer Umfrage der amerikanischen Kongressbibliothek, welches Buch die Amerikaner*innen am meisten in ihrem Denken beeinflusst habe landete Rands Bestseller „Atlas Shrugged“ auf Platz 2 – direkt hinter der Bibel. Noch 2011 erreichten die Verkaufszahlen 445.000 Exemplare – außergewöhnlich bei einem 50 Jahre alten Roman.

Der Objektivismus entstand nicht zuletzt als reaktionäre Gegenidee zu den modernen Erkenntnissen der Psychologie und Soziologie im neuen Jahrhundert, die mit einigen banalen Beobachtungen elementare (christliche) Gewissheiten erschütterten: Allen voran die Forschung auf der Suche nach den Beweggründungen von Menschen für ihre Handlungen unter dem Credo, dass Menschen keine von ihrer Umwelt losgelösten Entitäten sind deren Ansichten, Handlungen und Schicksale allein von ihrem freien Willen in Rechenschaft zu Gott und der Gesellschaft bestimmt, sondern als soziales Wesen von ihrer Umwelt, ihren Erfahrungen und ihrer konkreten materiellen Situation beeinflusst werden.

Diese triviale Wahrheit erschüttert jedoch jede Menge Herrschaftsgefüge, schließlich können nun auch systemische Ursachen für „Fehlverhalten“ von Menschen in Betracht gezogen und die Frage aufgeworfen werden inwiefern ein einzelner Mensch allein für sein Verhalten verantwortlich gemacht werden kann. Die Konsequenz ist eine Weltsicht die, wenn mensch so will, Handlungen und Ereignisse versucht aus einer subjektiven Perspektive zu verstehen, nachzuvollziehen und zu beurteilen.

Dem stellt sich der Objektivismus als neokonservativer Gegenentwurf gegenüber. Er statuiert den Menschen unumstößlich als allein von seinem Willen determiniertes Wesen.

„If [a human] chooses to live, a rational ethics will tell him what principles of action are required to implement his choice. If he does not choose to live, nature will take its course. Reality confronts a man with a great many ‚must’s‘, but all of them are conditional: the formula of realistic necessity is: ‚you must, if –‘ and the if stands for man’s choice: ‚if you want to achieve a certain goal‘.“ – Ayn Rand

(Wenn ein Mensch sich für das Leben entscheidet, wird ihm eine rationale Ethik sagen, welche Prinzipien seinen Entscheidungen zugrunde liegen sollten. Sollte er gegen das Leben entscheiden, wird die Natur ihren eigenen Lauf nehmen. Die Welt setzt einem Menschen jeder Menge „Zwänge“ aus, aber all diese Zwänge sind nur bedingt: Die Formel der tatsächlichen Notwendigkeiten lautet ‚du musst, wenn –‘ und das Wenn stellt die Wahl des Menschen dar: ‚– wenn du ein bestimmtes Ziel erreichen willst‘.)

Ayn Rand skizziert den Weg eines Individuums als Kette von Entscheidungen, deren Rationalität allein über dessen Glück und Unglück entscheidet.

Neben der Statuierung einer objektiven Realität, deren Wahrnehmung durch die menschliche Wahrnehmung zwar verfälscht, aber durch den Einsatz von Logik und Vernunft allgemeinverbindlich entschlüsselt werden kann und der positiven Umdeutung von reinem Egoismus als natürlich-unverfälscht und produktiv und der daraus abgeleiten Wertschätzung individueller Freiheitsrechte bildet diese Grundannahme menschlicher Entscheidungsfreiheit das Fundament einer beispiellosen Apologie des Kapitalismus.

Atlas Shrugged

Spoiler-Alarm

20 Jahre nach dem Tod seiner Autorin ist der Roman so angesagt wie selten zuvor. In diesem Jahr beglückte Paul Johannson die Welt mit seiner Filmumsetzung von Atlas Shrugged im ersten von zwei Teilen, unter anderem mit der Unterstützung von namhaften Protagonist*innen der Tea Party Movement und dem Ayn Rand Institute, einer Stiftung, die sich der Verbreitung von Rands Ideen verschrieben hat (sich aber gemessen an dem politischen Erfolg von Rands Büchern recht bedeutungslos ausnimmt).

Atlas Shrugged ist eine eindrückliche Warnung vor dem Kommunismus. An die Stelle einer gewaltvollen kommunistischen Revolution (wie sie Rand in Russland miterleben konnte) setzt Rand in ihrem Roman eine für die amerikanische Situation glaubwürdigere schleichende Sozialisierung des Landes und der ganzen Welt.
Die Protagonist*innen (sowohl Hauptcharaktere, als auch deren Gegenspieler*innen) sind ausschließlich wohlhabende und erfolgreiche Industrielle, berühmte Künstler*innen und mächtige Politiker*innen. Die Lebenssituation von im Kapitalismus nicht privilegierten Menschen, oder gar von Armen, Wohnungs- und Erwerbslosen wird konsequent ausgeblendet. Die Hauptprotagonist*innen sind Industrielle, die sich allein durch Begabung und Willen von der Tellerwäscher*in zum CEO von Konzernen emporgearbeitet haben und sich einer unbegreiflichen Zunahme sozialistischen Gedankenguts ausgesetzt sehen. Ihr ehrliches Streben nach Profit, welches über Nacht ganze Fabriklandschaften aus dem Boden sprießen lässt und tonnenweise Wohlstand ausspuckt wird verächtlich gemacht, korrupte Gewerkschaften und eine politische Agenda der Umverteilung (Umverteilung lustigerweise ausschließlich von erfolgreichen zu erfolglosen Unternehmen – nicht einmal hier finden Arme irgendeine Beachtung) mit immer restriktiveren Gesetzgebungen verbaut ihnen Schritt für Schritt ihre Entfaltungsmöglichkeiten und stürzt in logischer Konsequenz die Wirtschaft und die Perspektive der Nation in einen Abgrund. Die sozialistische Agenda verschärft sich dabei in einem Teufelskreis mit jedem weiteren wirtschaftlichen Kollaps weiter und weiter. Ausdruck der allgemeinen Resignation und Hoffnungslosigkeit wird die merkwürdige Phrase: „Who is John Galt?“ (Wer ist John Galt).
Eine Frage die der Roman bald beantwortet, denn John Galt ist der Streikführer, der sich für die unbeschränkte Freiheit des kapitalistischen Wirtschaftens, für die Wertschätzung der Unternehmer*innen als „Motor der Welt“ und die Anerkennung der Profitgier als produktivste Triebfeder und Ursprung von Wohlstand in der Gesellschaft einsetzt. Er und seine Verbündeten (unter anderem ein norwegischer Pirat, der mit einem U-Boot durch die Weltmeere fährt und die erhobenen Einkommenssteuern aller Reichen zurückräubert) ziehen getreu dem Schwur:

„I swear—by my life and my love of it—that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for mine.“ – John Galt

(Ich schwöre – bei meinem Leben und meiner Liebe zu ihm – dass ich niemals für das Wohl anderer leben werde, noch dies jemals von einem anderen Menschen verlangen werde.)

gegen Umverteilung und die Forderung nach Selbstlosigkeit zu Felde, indem sie sich, ihren Geist und ihre Schaffenskraft nicht weiter der Wirtschaft zur Verfügung stellen und einen Streik von oben initiieren, dem sich bald das ganze verbleibende aufrechte Unternehmer*innentum anschließt, von der engagierten Fachkraft bis zu den Konzerchef*innen. In logischer Konsequenz eskaliert die Sozialisierung in blanker staatlicher Gewalt und alle Wirtschaft kollabiert in furchtbarer Massenarbeitslosigkeit, Hungersnöten und dem Gesetz der*s Stärkeren.

We build it!

Atlas Shrugged ist so In wie lange nicht mehr.

Nicht nur der rechtskonservative Agitateur Glenn Beck, die Ex-Ikone der rechten Fox News, welcher täglich eine neue kommunistische Verschwörung in der amerikanischen Gesellschaft aufdeckt, preist Atlas Shrugged.

Rand steht auch Pate bei der Wahlkmpfkampagne des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney. Sein wirtschaftspolitischer Sprecher und Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan bestimmte feierlich Atlas Shrugged zu seinem politischen Wegweiser und die zentrale Wahlkampflosung „We build it“ verweist auf den elementaren ideologischen Schluss des Objektivismus: Privatwirtschaft gut, staatliche Einmischung schlecht. Nach der Losung waren es die Unternehmer*innen, die den Wohlstand und die Werte Amerikas geschaffen haben und der Staat der diese wieder abreist. Jeder wirtschaftliche Niedergang und jede Krise geht auf staatliche Einmischung zurück und nur mit einem radikalen Abbau des Staats lässt sich ein erneuter Wirtschaftaufschwung herstellen, der nur noch seine elementarsten Aufgaben – Sicherung der nationalen Souveränität und des Privateigentums – erfüllen soll, frei vom Ballast der sozialen Absicherung, Gesundheitsversicherungen und ökonomischer Lenkung.

Manche Menschen wollen die Welt nur brennen sehen

In popkultureller Ausformung schlägt sich Rand auch in der jüngsten Batman-Trilogie nieder, wie aufmerksame konservative Blätter begeistert feststellen. Dabei geht der objektivistische Gehalt schon auf die frühen Comicvorlagen zurück. Die Randsche Philosophie findet sich hier weniger in der Person des Helden Bruce Wayne als gönnerhaftem Industriellen, als in der Darstellung und der mangelnden Empathie für das Verbrechen wider.

Batman-Comic-Seite, Batman und Robin diskutieren über Veranlagung und freien Willen

Für Batman gibt es weder eine „Sozialisierung“, die einen Menschen zu seinen Entscheidungen treibt, noch berücksichtigt er die Umstände, unter denen Menschen Entscheidungen zu treffen gezwungen sind. Was nobel daherkommt, indem es jeden Menschen als autonomes Individuum anerkennt, zielt auf die volle Verantwortlichkeit jeder*s Einzelnen für seine*ihre eigene Lebenssituation. Die Armen hungern, weil sie es nicht anders wollten, die Reichen sind wohlhabend, weil sie sich das erarbeitet haben und die Kriminellen sind kriminell weil sie sich dazu entschieden haben. Ihre moralische Überlegenheit leitet sich diese Sichtweise nur im Vergleich zur Veranlagungs-Hypothese her – die einem Menschen, ungeachtet seiner Entscheidungsfreiheit, aber auch ungeachtet seiner Umstände einen unveränderlichen Charakter zuschreibt.

So stellt auch das Vorwort der FAZ-Ausgabe ausgewählter Batman-Comics fest:

„Hegel war der Ansicht, auch der übelste Mörder stehe ethisch über jedem Tier, weil Bosheit immerhin eine Form von Bewußtsein sei. Rächer wie Batman können und wollen so nicht denken – sie folgen eher dem Einfall der Schriftstellerin Ayn Rand, daß auch das größte kriminelle Genie allein durch den Gesetzesbruch seine nicht nur moralische, sondern auch intellektuelle Minderwertigkeit dokumentiert. Denn wer auf illegalem Weg zu Vorteilen gelangt, sollte, da er doch offenbar klug genug ist, sich über Hindernisse hinwegzusetzen, eigentlich keine Schwierigkeit damit haben, sich dieselben auch auf legalem zu verschaffen. Er begeht somit einen unökonomischen Denkfehler, wenn er sich fürs Verbrechen entscheidet, weil dabei immer ein Teil der erforderlichen Tatenergie auf Flucht und Strafvermeidung verwendet werden muß, die gewiß wirtschaftlicher für anderes eingesetzt würde.“

und banalisiert damit Kriminalität auch noch zu einer unökonomischen Dummheit, um den letzten Rest an möglichem Zwang auszublenden. Die Straßenräuber*innen in den Slums von Südafrika könnten ihre Energie doch einfach in ehrliche Jobs investieren.

Zur Batman-Verfilmung dokumentiert die New York Times die Begeisterung von Objektivist*innen über den ersten Teil der Trilogie:

„the movie takes a strong stand that some things are evil, some people are evil. Crime is bad. And criminals need to be punished, not to be understood and coddled and let out of jail for more therapy. […] that it’s up to each person to take a stand and [that] each person has his own talents abilities and opportunities. Bruce Wayne, because of his money and training, has more talent and opportunities to do these things than most of us, but it’s made clear that it’s important for everybody to take a stand.“

(der Film sagt deutlich aus, dass manche Dinge einfach böse sind, manche Menschen sind böse. Kriminalität ist schlecht. Und Kriminelle gehören bestraft und nicht verstanden und verhätschelt und aus dem Gefängnis freigelassen für weitere Therapien. […] dass es an jeder*m Einzelnen ist Stellung zu beziehen und dass jede*r seine eigenen Talente und Fähigkeiten hat. Bruce Wayne hat aufgrund seines Geldes und seines Trainings mehr Fähigkeiten und Möglichkeiten um diese Dinge zu tun als die meisten von uns, aber es wird klargestellt, dass es wichtig ist, dass jede*r Stellung bezieht.

Als (streitbare) Feministin1 und radikale Atheistin ist Ayn Rand in Gänze nur schwer einnehmbar für amerikanische Konservative. Ihr Menschen- und Gesellschaftsbild liefert aber die tragenden Säulen des Wirtschaftsliberalismus für die bürgerliche Rechte in den USA.

Ideologiefragmente von Ayn Rand schlagen sich auch im Parteiprogramm der deutschen Wirtschaftsliberalen der FDP nieder und finden sich als diffuse Vorstellungen auch in den Köpfen der breiten Bevölkerung, etwa in dem Ruf nach Deregulierung und schlankem Staat. Gerade wegen ihrer Konturlosigkeit und Diffusität lässt sich kapitalistische Ideologie nur schwer markieren. Daher kann die Kenntnis von Rand und ihrem „Objektivismus“ als Werkzeug zur Analyse und Kritik von Ideologie dienen. In dieser Kritik darf jedoch nicht hinter bürgerliche Standards zurückgefallen werden.

„My philosophy, in essence, is the concept of man as a heroic being, with his own happiness as the moral purpose of his life, with productive achievement as his noblest activity, and reason as his only absolute.“ —Ayn Rand

(Meine Philosophie, unter dem Strich, ist die Vorstellung des Menschen als ein heroisches Wesen, mit seinem eigenen Glück als moralischer Sinn seines Lebens, mit seiner produktiven Errungenschaft als höchster Aktivität und Vernunft als sein einziges Absolutes.)

  1. Dieser wird deutlich an der für die 60er Jahre ungewöhnlichen Haputperson von Atlas Shrugged, Dagny Taggart als erfolgreiche Geschäftsfrau mit ungezwungener Sexualität. Gleichzeitig vertrat Rand homophobe und auch misogyne Vorstellungen, setzte sich aber wiederum im Sinne ihrer Staatsfeindlichkeit gegen die staatliche Diskriminierung von Homosexualität ein. [zurück]

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