Redebeitrag: Sozialistischer Feminismus

Wir veröffentlichen an dieser Stelle den Redebeitrag zum Thema „Sozialistischer Feminismus“, den wir zur Rosa & Karl-Demonstration im Namen des Bündnisses beigetragen haben.

In der Arbeiterbewegung hatten Feministinnen wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin mit denselben patriarchalen und sexistischen Einstellungen zu kämpfen wie im Rest der Gesellschaft auch. Frauen wurden nicht als politische Menschen wahrgenommen und ihre Anliegen ignoriert, Arbeiter sahen den Platz der Frau in der Küche, Gewerkschaften weigerten sich Frauen aufzunehmen und die Lohnarbeit von Frauen zu verteidigen.

Trotzdem oder gerade deshalb organisierten sich sozialistische Feministinnen in der Arbeiterbewegung, in Gewerkschaften, gründeten eigene Arbeiterinnenverbände und kämpften für ihre Interessen.

Rosa Luxemburg trägt dieser Entwicklung im Mai 1912 Rechnung:

„Die jetzige kraftvolle Bewegung der Millionen proletarischer Frauen, die ihre politische Rechtlosigkeit als ein schreiendes Unrecht empfinden, ist ein untrügliches Zeichen, dass die gesellschaftlichen Grundlagen der bestehenden Staatsordnung bereits morsch und ihre Tage gezählt sind.“

Die feministischen Ziele der sozialistischen Frauenbewegung unterscheiden sich dabei wenig von denen der bürgerlichen Feministinnen: Der Kampf wird geführt um das Wahlrecht für Frauen, das Recht auf Eigentum und Bildung, Persönlichkeitsrechte in der Ehe und das Scheidungsrecht, um den rechtlosen Status der Frau gegenüber ihrem Ehemann zu beenden.

Es war aber der sozialistische Feminismus der es erstmals schaffte radikale Kämpfe gegen verschiedene Unterdrückungsverhältnisse zusammenzuführen und die Arbeiter*innenbewegung mit der Frauenbewegung zu verbinden.

Von einer gleichberechtigten Anerkennung der Kämpfe kann zu dieser Zeit jedoch leider nicht die Rede sein. Die Bedeutung der Frauenbefreiung wird der Klassenfrage untergeordnet.

Auch Clara Zetkin, feministische Ikone und enge Vertraute von Rosa Luxemburg vertrat diese Ansicht mit Nachdruck, indem sie schrieb:

„Die Emanzipation der Frau wie die des ganzen Menschengeschlechtes wird ausschließlich das Werk der Emanzipation der Arbeit vom Kapital sein.“

Der sozialistische Feminismus erfand damit die verhängnisvolle Unterteilung von Widersprüchen, also gesellschaftlicher Konflikte, in so genannte Hauptwidersprüche, die das eigentliche Problem darstellen würden und Nebenwidersprüche, die nur aus dem Hauptwiderspruch heraus entstehen und mit ihm zusammen erledigt werden müssten. In der Konsequenz fallen sozialistische Feministinnen in der Radikaltität ihrer Forderungen hinter viele bürgerliche und sozialdemokratische Feministinnen zurück. Clara Zetkin erkennt etwa erst spät die Notwendigkeit an, sich für das Frauenwahlrecht einzusetzen.

Es bleibt der linken Feministin Johanna Löwenherz vorbehalten das Patriarchat auf eine Stufe mit dem kapitalistischen Unterdrückungsverhältnis zu heben, indem sie feststellt:

„Jede Frau gehört zweien Klassen an!“

Seit den Zeiten von Rosa und Karl hat sich viel getan in der feministischen Bewegung:

  • 1919: 4 Tage nach dem Mord an Rosa Luxemburg konnten Frauen in Deutschland zum ersten Mal auf nationaler Ebene wählen – ein lang erkämpfter Erfolg der Frauenbewegung.
  • 1951: Die Feministin Simone de Beauvoir stellt fest: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird es.“ und stellt damit erstmals die Kategorie Geschlecht in Frage.
  • 1968: Sigrid Rüger schleudert eine Tomate auf einen SDS-Genossen, um sein sexistisches Verhalten zu skandalisieren. Dies war der Auftakt für eine intensive Auseinandersetzung der antiautoritären Linken mit ihren eigenen patriarchalen und sexistischen Strukturen.
  • 1977: im Zuge der schwarzen Bürgerrechtsbewegung schließen sich schwarze Frauen in Amerika zusammen und entwickeln die Tripple-Oppression-Theory, welche die drei Untedrückungsformen des Rassismus, Sexismus und Kapitalismus als drei unabhängige Machtverhältnisse nebeneinander stellt.
  • 1990: Die Feminstin Judith Butler analysiert die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts und begründet damit gemeinsam mit anderen die Queer-Theory.

Es bleibt der Verdient der sozialistischen Feministinnen den Grundstein zu legen für die Vereinigung einer Vielzahl emanzipatorischer Kämpfe in eine Linke, die sich gleichzeitig für die Emanzipation der Frau, den Kampf gegen den Kapitalismus, die Zurückdrängung von Nationalismus und Rassismus und den Kampf gegen den Faschismus einsetzt.

Viele Ziele der Frauenbewegung wurden erreicht: Das Frauenwahlrecht ist in den meisten Ländern der Welt eine Selbstverständlichkeit, Kinderarbeit wird weltweit geächtet, in den meisten demokratischen Ländern haben Frauen gleiche Rechte und behalten diese auch in der Ehe.

Der Feminismus hat sich seit Rosas Zeiten stark weiterentwickelt. In unseren heutigen feministischen Auseinandersetzungen kämpfen wir für den Abbau einschränkender Geschlechterrollen, für die Anerkennung des selbstgewählten Geschlechts, die Gleichstellung von Lesben und Schwulen und gegen eine Kultur in der Vergewaltigungen verharmlost werden und die Betroffenen selbst für die sexuelle Gewalt verantwortlich gemacht werden, der sie ausgesetzt sind. Wir kämpfen für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung und die endgültige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.

Trotzdem sind auch die Kämpfe von Feministinnen wie Clara Zetkin noch nicht ausgefochten: Frauen verdienen heute immer noch deutlich weniger als Männer, der gleichberechtigte Zugang zur Lohnarbeit wird von rigiden Geschlechterrollen versperrt, die Frauen auf Küche und Kindererziehung reduzieren. Frauen werden bei der Jobvergabe konsequent diskriminiert, ihr beruflicher Aufstieg wird behindert.

Deshalb gilt es auch heute noch, fast 100 Jahre nach der Ermordung Luxemburgs, gegen Patriaracht und Sexismus zu demonstrieren.

Für ein schönes, selbstbestimmtes Leben, frei von Diskriminierung, Ausbeutung, Unterdrückung und Normativität!


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