#Aufschrei gegen Alltagssexismus

Rainer Brüderle, Spitzenkandidat der FDP, wird am 23. Januar 2013 in einem Artikel von der Stern-Journalistin Laura Himmelreich als übegriffiger Chauvinist geoutet.

„Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ – Rainer Brüderle

Der Sexismus-Vorwurf wird schnell von vielen Medien aufgenommen und markiert den Beginn einer bis jetzt anhaltenden öffentlichen Debatte um den Alltagssexismus, dem Frauen* in Deutschland ausgesetzt sind.
Es dauert jedoch nicht lange, bis allerlei prominente Männer Brüderle zur Seite springen, die sexuelle Belästigung verharmlosen und die Betroffene versuchen zu diffamieren. Besonders aus der FDP wird sich in Männer-Kumpanei geübt, aber auch Gregor Gysi verkündet, dass er die Aufregung über die sexistischen Bemerkungen und die Annäherungen für übertrieben hält, erklärt dass die Vorwürfe zu spät angemeldet werden und dass doch bitte alle mal das „Maß wahren“ sollen.

Neben dem Derailing (Verharmlosen/Bestreiten/Ausweichen) der Vorwürfe, hat die Diskussion zu diesem Zeitpunkt aber noch eine weitere hochproblematische Schlagrichtung: Der Fall Brüderle wird als Ausnahme, Kuriosum und Einzelfall behandelt. Medienberichte verweisen in den seltensten Fällen auf die simple Tatsache, dass Ereignisse dieser Art zu den persönlichen Erfahrungen der allermeisten Frauen* gehören.

Im sozialen Netzwerk Twitter tauschen sich Frauen* aus, die frustriert darüber sind, dass die Tragweite der Diskussion sich in Charakter-Analysen von Spitzenpolitikern erschöpfen. Die Twitterin marthadear schlägt vor, alle Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, sexuellen Übergriffen und sexistischen Bemerkungen unter dem Hashtag #aufschrei (Triggerwarnung) zu veröffentlichen und löst damit eine Flutwelle von Berichten aus, die im Minutentakt von Frauen* aus dem ganzen deutschsprachigen Raum über ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus und sexuellen Übergriffen gepostet werden. Einen Tag später findet der Hashtag auch in den englischen (#outcry) und französischen (#assez) Sprachraum eingang. Twitter zählt über 60.000 Tweets (Beiträge), welche in den letzten 5 Tagen mit dem Tag #aufschrei markiert wurden.

Ähnlich wie bei der öffentlichen Vergewaltigung einer 23-Jährigen in Indien, nach der hunderttausende Inderinnen und Unterstützer auf die Straße gingen um gegen die herrschende rape culture zu demonstrieren – was deutsche Medien zum Anlass nahmen unreflektiert (lediglich) Indien ein Sexismusproblem zu attestieren –, nehmen auch in diesem Fall tausende Frauen* einen prominenten Fall von Sexismus zum Anlass, um den vermeintlichen Einzelfall als Regelfall und gesellschaftlichen Missstand zu entlarven.

Bezeichnenderweise ist es mittlerweile jedoch kaum mehr möglich, dem #Aufschrei – Hashtag auf Twitter zu folgen, ohne mit einer Flut chauvinistischer Derailing-Versuche hauptsächlich männlicher Twitterer konfrontiert zu werden. Nach der klassischen Wirkungsweise von Trolls nutzen nun eine Vielzahl sexistischer Chauvinisten den Hashtag, um sexistische und frauenfeindliche Kommentare zu verbreiten, Sexismus und sexualisierte Übergriffe zu bagatellisieren, Sexismusvorwürfe mit Prüderie zu assoziieren und von der Unterdrückung der Männer zu lamentieren.

Mittlerweile bietet die Webseite www.alltagssexismus.de eine anonymere und komfortablere (also nicht nur auf 140 Zeichen beschränkte) und vor allem moderierte Möglichkeit von Erfahrungen mit Sexismus zu berichten. Bis heute treffen auf der Webseite im Minutentakt Berichte ein. Ein ähnliches Projekt, das bereits einige Zeit zurückliegt stellt die Webseite ichhabnichtangezeigt.wordpress.com (Triggerwarnung), welche Fälle von Vergewaltigungen und sexualisierten Übergriffen sammelt, welche die Betroffenen nicht anzeigen können oder wollen und ihre Gründe dafür. Das Projekt möchte damit aufmerksam machen darauf, wie aussichtslos es das Justizsystem den Betroffenen sexualisierter Gewalt macht den Rechtsweg zu beschreiten.

Rape Culture

Sexismus, sexualisierte Übergriffe und Vergewaltigungen sind keine Unfälle, Missverständnisse, gehen nicht auf individuelle Charakterschwächen zurück und sind auch nicht Ausdruck der Verschiedenartigkeit der Geschlechter, sondern haben handfeste Ursachen in den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft.
Im feministischen Diskurs wird die gesellschaftliche Kultur, die Vergewaltigungen und Grenzüberschreitungen begünstigt als rape culture bezeichnet. Diese rape culture besteht aus einer Vielzahl von Facetten, fußt aber grundsätzlich auf der strukturellen Diskriminierung von Frauen und der gesellschaftlichen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.
Männer verdienen mehr, werden in nahezu allen Zugangsbereichen zu Macht, Wohlstand und Anerkennung privilegiert und haben im Rahmen des gesellschaftlichen Norm- und Werteverständnisses einen deutlich größeren Entfaltungsspielraum.

Das findet seinen Ausdruck in den Rollenbildern, die nach wie vor tief in den Köpfen der Menschen verankert sind: Während Männer stark, mutig und durchsetzungsfähig sein sollen, entsprechend sozialisiert und trainiert werden, ihre eigenen Interessen zu erkennen, zu artikulieren und einzufordern, werden Frauen darauf eingeschworen als (zukünftiger) Teil der Hemissphäre eines Manns* den Kriterien zu entsprechen, die für den Partner wichtig sind: Schönheit, Genügsamkeit und emotionale Fähigkeiten. Die Rolle der Frau* wird somit bereits in der Erziehung und tagtäglichen gesellschaftlichen Belehrung und der Vermittlung von Werten und Normen auf das Anhängsel von Männern und zu deren Verfügung konditioniert. Hier wird die Frau* bereits schon als Verfügungsobjekt für den Mann* gedacht und gepredigt.

In besonders entlarvender Konsequenz drückt sich das Patriarchat in der gesellschaftlichen Sexual(-doppel-)moral aus: Die Sexualmoral verbietet es Frauen ihre Sexualität selbstbestimmt auszuleben. Frauen, die ihrem Gefallen an Sex Ausdruck geben, wechselnde Geschlechtspartner*innen haben und sich nicht auf ihren Traummann festlegen wollen, werden als „Schlampen“ verschrien, als „unrein“ und „promiskuitiv“ verachtet. Die Zielrichtung ist klar: Frauen haben sich allein gegenüber der Sexualität ihres Partners zu verhalten, müssen loyal und treu sein und ihrem Partner als Eigentum eine Alleinverfügungsgarantie entgegenbringen – und das bereits prophylaktisch.
Dem gegenüber gilt der Mann* als „Hengst“, wenn er häufig wechselnde Geschlechtspartnerinnen vorweisen kann, Sexualparterinnen gelten als „Eroberungen“, der Mann* errichtet sein Ego über den Beweis seiner Potenz und die Zahl der Sexpartnerinnen, die er „flachgelegt“ hat.
Natürlich spricht nichts gegen die freie Auslebung sexueller Bedürfnisse, die stehen allerdings gar nicht im Vordergrund, sondern die Demonstration der eigenen Potenz. Frauen werden nicht als Personen wahrgenommen, sondern als Trophäen, nicht über ihre Persönlichkeit, sondern allein über das vermeintlich sexuell ausschlaggebenden Kriterium: Aussehen.

Die Konsequenzen dieser Sexualmoral und der damit verknüpften Rollenbilder sind logisch völlig zwingend: Die Sexualität der Frau* wird bagatellisiert, der Respekt vor der sexuellen und körperlichen Selbstbestimmung ist denkbar niedrig, männliche Potenzbeweise setzen sich über den Willen und das Interesse der Sexualparterinnen mit höherer Wahrscheinlichkeit durch.

Ein Ausweg aus der rape culture kann nur über die Abschaffung des Doppelstandards in der Sexualmoral und der Auflösung der Rollenbilder für Mann* und Frau* führen. Um das Problem anzugehen, ist es aber überhaupt erst einmal notwendig es aufzuzeigen – die #Aufschrei-Diskussion ist dafür besonders gut geeignet, weil sich die Debatte nicht um einen vermeintlichen „Einzelfall“ dreht und weil sie nicht nur abgehoben in den Feuilletons und Tagesschau-Beiträgen passiert, sondern tausende Betroffene dazu ermutigt, sich über ihre Erfahrungen klar zu werden, diesen Ausdruck zu verleihen, die Relevanz dieser Erfahrungen zu erkennen, indem sie sich millionenfach in den Biographien anderer Frauen widerspiegeln und ihnen die Möglichkeit gibt sich zu organisieren.

*im Artikel ist die Rede von den Geschlechterkonstruktionen Frau und Mann. Auch wenn das „Geschlecht“ eine pauschalisierende und irreale Kategorie ist, die erst durch die Gesellschaft konstruiert wird, drückt diese Kategorie ihre Wirkmächtigkeit trotzdem aus, zum Beispiel durch die Diskriminierung/Privilegierung durch patriarchale Strukturen. Wenn im Text die Rede von Frauen* oder Männern* ist, dann sind damit Menschen gemeint, die entsprechend vergeschlechtlicht von der Gesellschaft gelesen werden – unabhängig davon, wie sie sich selbst empfinden.


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