Tatort der Barbarei

Sexismus, Paternalismus, Machismus und Verherrlichung von Polizeiwillkür, Folter und Selbstjustiz. Das alles gibts im Schweiger-Tatort.

Til Schweiger in Macho-Pose beim BallernDer deutsche Traum. Eine glückliche Familie, bestehend aus Mann und Frau und ungefähr einskommadrei Kindern, sitzt beisammen auf dem Sofa und schaut das erste deutsche Fernsehen. Der Mann trinkt Bier, das die Mutter bereitwillig holt, dazu werden Schnittchen gereicht, die die Mutter zuvor zubereitet hat. Zuerst wird auf die da oben geschimpft und anschließend gibt es Unterhaltung für die ganze Familie. So muss sich das die ARD doch vorgestellt haben? Oder ist Tatort was für die Twitterfraktion, mit deutschem Kulturbewusstsein? Oder für beide? Die einen interessieren sich nur für sich und die anderen tippen mehrmals 140 Zeichen über das gesehene damit sie sich besser fühlen als die anderen?

Wie auch immer der Tatort geplant war, mit dem neusten Tatort wurde die Krone der Absurdität aufgesetzt. Zur bisherigen Karriere des Hauptcharakters Til Schweiger will ich mich gar nicht äußern, seine Aussagen will ich gar nicht kommentieren, denn Til Schweiger alias Nick Tschiller handelt für die Moral und braucht sich dabei an keinerlei polizeiliche Vorschriften halten. Er ballert sich begleitet von einer Kameraführung, die an Zwischensequenzen bei Call of Duty erinnert, durch den Sonntag Abend und ist zwischendrin auch mal kurzzeitig an eine Bombe gefesselt, holt zu Fuß ein fahrendes Auto ein, rettet ein hilfloses Mädchen und tötet gleich zu Beginn drei Menschen. Aber das verzeihen wir ihm, dem sympathischen Macho mit moralischem Gewissen, denn die Moral steht über dem Gesetz, deswegen hat niemand ein Problem damit, wenn hier und da mit Folter gedroht wird – und Hausdurchsuchungsbefehle sind ja auch eher von Gestern. Es geht ja um das Wohl des Volkes, die Kinder und das Vaterland. Sogar die, was palästinensische oder angeblich linke Selbstjustiz angeht, alles andere als kritische Junge Welt findet: “Herzlich Willkommen in der Barbarei”, während andere Medien lediglich die Aufmachung des Tatorts kritisierten. Das ARD Magazin Brisant griff keinerlei moralische Bedenken auf, sondern redete von einer Spaltung der Nation die hauptsächlich an filmischen Vorlieben festzumachen sei. Einer der im dortigen Beitrag zitierten Facebookposts freut sich: “Endlich einer der nicht quasselt, sondern handelt.” und ich muss unfreiwillig an die NPD und plumpen Rechtspopulismus denken, während ich auf stern.de lese, dass der Tatort “ein solider Action-Krimi” sei. “Alles andere ist Freude am Shitstorm.“ Also muss ich die Selbstjustiz wohl als Teil eines “Action-Krimis” sehen.

Doch mit Selbstjustiz und Polizeiwilkür gibt sich Nick Tschiller nicht zufrieden. Denn ein Selbstjustizcop darf nicht nur Gesetze brechen, sondern muss auch “Macho mit weichem Kern” (ARD Brisant) sein. Fast alle weiblichen Charaktere werden als hilflos dargestellt oder himmeln Nick Tschiller an. Seine Kollegin beispielsweise tritt konsequent verschüchtert auf und wird natürlich gleich überwältigt, als sie das erste mal ohne Tschiller etwas unternimmt. Die einzige Frau, die als starke Persönlichkeit auftritt, wird als eingeschnappt dargestellt. Neidisch, weil sie dem großartigen Nick Tschiller nicht das Wasser reichen kann. Hinzu kommt die Selbstverständlichkeit mit der Herr Tschiller Frauen befreit die nach eigenen Aussagen überhaupt nich gerettet werden wollen, aber ein Mann wie Tschiller weiß es besser als eine, egal welche, Frau – und der Plot gibt ihm natürlich Recht. Herzlichen Glückwunsch liebe ARD, das ist lupenreiner Sexismus und braucht keine weiteren Worte.

Und kurz vor Schluss, quasi als Hauptattraktion des antiemanzipatorischen Feuerwerkes, setzt Nick Tschiller seinen ehemaligen Partner auch noch einer psychischen Folter aus und bekommt damit ein Passwort – nicht um irgendjemanden zu retten – sondern, um an die belastenden Beweise zu kommen, die er für den Prozess gegen diesen braucht. Der „weiße Ritter“ hat natürlich keine Konsequenzen zu befürchten, warum auch? Er hat damit ja bestimmt irgendwie auch Menschen gerettet und in solchen Fällen sollte ein Mensch auch mal gegen Menschenrechte verstoßen dürfen. Der Fall Gäfgen zeigt dass es in Deutschland für so etwas durchaus auch Verständnis gibt. Bei der damaligen Debatte war Schweiger übrigens bestürzt darüber, dass der Polizist für die Androhung von Folter zur Rechenschaft gezogen wurde. Unbekannt ist, ob Til Schweiger auch Sympathien für Lynchmobs in Insel oder Mügeln übrig hat. Denkbar ist dies bei Nick Tschiller, beziehungsweise Til Schweiger, aber sicherlich.

Was bleibt abschließend zu sagen? Dass öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten mit Bildungsauftrag, ihre Einnahmen aus den Gebühren dazu verwenden Sexismus, Mackertum, Selbstjustiz und Folter zu verherrlichen? Dass im Anschluss an einen Tatort mit derartiger Thematik die Sendezeit von Jauch nicht dazu verwendet wird, um über Selbstjustiz und Folter zu diskutieren? Dass sich kaum jemand in unserer Gesellschaft an derartigen Wertvorstellungen stört? Sicherlich eines lässt sich sagen: vor lauter Mackertum, Sexismus, Selbstjustiz, Polizeiwilkür und Folter komme ich gar nicht dazu den eigentlichen Tatort in seiner völligen Absurdität darzulegen.


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