Stand up – Speak up

Am 10. Juli haben wir einen Text mit dem Titel Märchenstunde auf Indymedia verfasst, der einen Artikel auf Indymedia analysiert und diesem in seiner Kritik an der Definitionsmacht antifeministische Motive und Elemente der Rape Culture nachweist. Als Reaktion darauf haben wir anyonm einen Text Definitionsmacht aus Betroffenensicht zugeschickt bekommen, mit der Bitte um Veröffentlichung. Vor einigen Tagen erreichte uns ein zweiter Text, den wir auf Bitte des*der Autor*in nun ebenfalls anonym veröffentlichen.

Triggerwarnung: Beschreibung von Vergew*******g

Ich werde über persönliche Erfahrungen schreiben. Bitte versucht entsprechend ein Mindestmaß an persönlichem Respekt aufzubringen.

Dies ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich öffentlich als Betroffene einer Vergewaltigung und wiederholter sexualisierter Übergriffe in der linken Szene äußere. Bisher hatte ich Schiss davor, und die aktuelle Debatte auf linksunten.indymedia zeigt mir, dass das nicht zu Unrecht war.

Es geht in diesem Artikel nicht um eine „neutrale“ Sicht auf die Debatte oder die Definitionsmacht, ich gebe offen zu: Ich spreche aus der Position einer Betroffenen, ich bin nicht neutral und will auch nicht so tun. Doch: Auch die vielen Cis-Männer die sich hier ablehnend zu Definitionsmacht geäußert haben, sind keineswegs neutral. Doch viele tun so. Auch sie haben eigene Interessen und Ängste, die die Debatte beeinflussen. Neutralität ist eine Illusion!!!

Ich bin seit ich 15 bin in linksradikalen Gruppen aktiv. Ich war immer in kleineren Gruppen mit einem insgesamt guten Klima, ich war in unterschiedlichen Gruppen und Räumen unterwegs, also sagt mir nicht dass meine Erfahrungen eine krasse Ausnahme sind oder nichts wert.

Als ich 16 war hat mich ein Bekannter (der nicht mit der linken Szene in meiner damaligen Stadt verbunden war) vergewaltigt. Er zwang mich gegen meinen erklärten Willen (ich habe deutlich gesagt dass ich das nicht will) zu sexualisierten Sachen. Ich wusste sofort dass es eine Vergewaltigung war. Nach den deutschen Gesetzen war und ist es nicht sicher eine. Ich war danach völlig allein. Ich habe mich schrecklich gefühlt. Ich wusste nicht an wen ich mich wenden könnte. Ich bin in meine Schule gegangen, habe Kaffee getrunken, habe Kette geraucht und mir stundenlang nur gewünscht zu vergessen, mir gewünscht mich nicht mehr zu ekeln. Ich habe mir tagelang gewünscht, das Verlangen dauernd zu duschen ginge endlich weg.

Obwohl mir unmittelbar nach der Tat klar war, dass es eine Vergewaltigung war, habe ich mit niemandem geredet, denn ich wusste nicht mit wem. In meiner damaligen Politgruppe waren zwar alle voll für Emanzipation, aber konkret waren ihre Forderungen nach der „Frauenbefreiung“ weder glaubhaft noch realistisch für mich: Entweder sie fanden andere Themen „wichtiger“ oder sie äußerten sich relativierend zum Thema Sexismus und sexualisierte Übergriffe: „Aber ein Kind braucht doch seine Mutter“ , „Aber das ist doch natürlich“, „Die Befreiung der Frau erfolgt im Sozialismus“, etc. waren normale Aussagen zum Thema.

Zu Übergriffen hatte sich kein Mitglied der Politgruppe damals je geäußert, es war jedoch mehrmals vorgekommen dass sowas „nebenbei“ mal Thema wurde und meine Genoss_innen (die Frauen* waren in der Minderheit, wie in den meisten linken Gruppen) beteuerten, die Betroffenen übertreibe oder das sei alles nur ein Szenestreit.

Ich stand also völlig alleine da und habe es mehrere Jahre nicht gewagt auch nur einer Person aus der Gruppe zu erzählen dass ich vergewaltigt worden war. Und heute gratuliere ich mir dazu, denn ich bin sicher ich hätte damals Hohn und Spott statt Unterstützung geerntet.

Von Definitionsmacht erfuhr ich mit 18, als ich von einer Klein- in eine Großstadt zog. Dort erzählten mir Freundinnen, dass ihre Gruppen nach diesem Prinzip handelt, und mein erster Gedanke war: Freaks!

Ich konnte nicht verstehen, wie diese Gruppen das Risiko eine „Verurteilung“ Unschuldiger auf sich nehmen konnten, nur um „ein paar“ Betroffene in der Gruppe zu schützen.

Ich fand das Konzept wahnsinnig komisch, verstand nicht, warum die Konfliktparteien nicht einfach mal vernünftig reden konnten. Eine radikal_feministische Freundin erzählte mir in einem persönlichen Gespräch was ihre Gründe für die Anerkennung der Definitionsmacht waren.

Sie sprach über die Beweislast, die bei Prozessen vor BRD-Gerichten bei den „Opfern“ lag, über die Demütigung einen Übergriff vor Gericht schildern zu müssen und von der Empfehlung von Expert_innen sich bei einem gewaltsamen Übergriff nicht mehr zu wehren wenn es aussichtslos ist, weil mensch sich damit nur selbst gefährdet. Zugleich erklärte sie mir, dass ohne diese Gegenwehr (von der abgeraten wird) kaum Spuren einer Vergewaltigung existierten und eine Verurteilung des Täters unwahrscheinlich sei. Sie sprach auch über das Fühlen und Setzen der eigenen Grenzen und ich entdeckte in vielen Dingen die sie erzählte völlig neue Ansätze für mich: Ich war zwar schon 20 Jahre alt, doch dass es wichtig ist auf meine eigenen Grenzen zu achten hatte mir bisher niemand gesagt. Das ist Rape Culture: 20 werden ohne über die eigenen Grenzen nachzudenken

Ich fand es spannend, doch weit weg von mir und meinem Leben, unrealistisch und „zu radikal“.

Bis ich selbst einen körperlichen sexualisierten Übergriff von einem Macker einer anderen Gruppe erlebte. Auf einer Party alberte ich mit einem „Kumpel“ rum, wir rissen nach dem 1. Bier ein paar (ganz unverfängliche) Witze darüber, wie cool es ist Single zu sein. Plötzlich griff er mir an die Brüste und machte einen sexualisierten Spruch dazu. Er schien es einfach nur witzig zu finden, für mich war es mehr als krass: Er machte sich einen Spaß daraus meinen Körper nicht zu respektieren. Ich war inzwischen selbstbewusster und schrie ihn nach einem Schreckensmoment an. 5 Genoss_innen waren dabei. Eine unterstützte mich und verließ mit mir die Party. Der Täter feierte weiter. Unterstützung? Die gab mir eine von 5! Mit damals 21 Jahren hatte ich es das erste Mal geschafft meine eigenen Grenzen einzufordern. Erst war ich stolz auf mich, doch dann wurde mir immer bewusster dass ich von vielen Leuten plötzlich gemieden wurde. Von den 4 Anwesenden die sich in der akuten Situation nicht geäußert hatten entschuldigte sich eine Person später. 2 verteidigten das Anpacken durch den Bekannten von mir. Die Story sprach sich herum, und statt zu fragen was los war mieden mich plötzlich viele Leute. Mir wurde sehr misstraut, ein Strömungskampf unterstellt und schließlich veröffentlichten sogar Leute Positionen zu dem Übergriff, die mehrt als weit weg von meinem Problem damit waren.

Meine Erfahrung ist: Rape Culture, im Sinne von: öffentliche Durchsetzung und Akzeptanz einer Kultur die es normal findet über Frauenkörper zu verfügen, macht vor der linken Szene auf keinen Fall Halt!

Ich kenne dutzende Frauen* denen in der linken Szene, auch in großen und bekannten Gruppen, Ähnliches passiert ist.

Die Definitionsmacht als Gegenkonzept kann ermöglichen dass Frauen die Handlungsräume die ihnen zustehen überhaupt erst bekommen.

Ich finde besonders wichtig: Falschanschuldigungen sind äußerst unwahrscheinlich und selten. Seit ich vor 3 Jahren bemerkt habe wie gut mir Definitionsmacht tut, habe ich auch gemerkt, dass es mir trotz Definitionsmacht sehr schwer fiel Übergriffe zu benennen und ich auch echt gehasst wurde dafür sie anzusprechen.

Defma ist nicht perfekt, erfüllt aber einen zentralen Zweck:
Jetzt müssen nicht mehr die Betroffenen erklären, dass echt was passiert ist, sondern die Täter müssen Stellung nehmen. Es ist absurd anzunehmen, denn die Falschbechuldigungen zunehmen würden oder der Vergewaltigungsvorwurf als politisches Instrument verwendet werden könnte, denn das „Geständnis“ vergewaltigt worden zu sein ist noch immer nicht leicht. Ich danke der ersten Betroffenen die unter dem Titel „Definitionsmacht aus Betroffenensicht“ vieles erklärte.

Ich hätte ohne das Wissen dass meine Wahrnehmung zählt und respektiert wird nie geschafft, die Vergewaltigungen als solche zu benennen.


2 Antworten auf „Stand up – Speak up“


  1. 1 die Person, die den ersten Text aus Betroffenensicht geschrieben hat 24. Juli 2013 um 2:03 Uhr

    Danke für deinen Mut, deine Geschichte hier zu teilen.

  2. 2 Mac 02. Dezember 2013 um 15:15 Uhr

    Danke auch von mir.
    Es ist echt schwierig, wenn man in einer Vergewaltigungsgesellschaft groß wird, die Perspektive zu entwickeln, dass es auch anders geht. Wir brauchen Deinen Mut und den vieler anderer, die betroffen sind und waren, damit das überhaupt zum Gegenstand einer Diskussion wird. Wir brauchen die Umkehr der Beweislast an den Gerichten. Wir brauchen keinen einzigen Übergriff mehr.

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