„Der Staat gegen Fritz Bauer“: Die Verfilmung eines Helden

Schon der Titel des Filmes, der aktuell in den Kinos läuft, trifft es prägnant: Fritz Bauer kämpft als Generalstaatsanwalt in Hessen dafür, dass Nazis auf der ganzen Welt, aber vor allem in Deutschland, sich ihrer Vergangenheit stellen müssen und wird dabei leider von vielen Kräften im deutschen Nachkriegsstaat – auch jenen in der Staatsanwaltschaft selbst – bekämpft. Bauer war Jude und somit auch Opfer der Nazis und wusste um seine heikle Stellung als jüdischer Staatsanwalt in einem Deutschland, welches sich der Aufarbeitung seiner Geschichte verweigerte.

Der Film beginnt für all jene, die Bauers Leben und Tod kennen, eigentlich mit seinem inszenierten beinahen Ableben. Zu viel Alkohol und Schlaftabletten lassen den „General“ fast in seiner Badewanne ertrinken, bis ihn dort sein Fahrer findet und rettet. In der Tat ereignet sich Fritz Bauers Tod in der Badewanne, bei dem man mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass es weder Mord noch Suizid war. Anders als die Szene also zunächst vermuten lässt, hatte Bauer nicht die Absicht, sich umzubringen.

Der Generalstaatsanwalt bekommt eines Tages einen Brief von einem nach Argentinien ausgewanderten ehemaligen KZ-Häftling namens Lothar Hermann. Dieser berichtet ihm, Adolf Eichmann, Organisator des Holocausts, unter falschem Namen in Buenos Aires entdeckt zu haben. Hermanns Tochter hätte eine Romanze mit dem Sohn Eichmanns gehabt. Für Fritz Bauer ist das die richtige Spur, auch wenn es noch viel Kraft und Mühe kosten soll, ihn zu fassen. Dabei ist äußerste Vorsicht geboten, denn sowohl in den Behörden als auch im restlichen Teil des deutschen Staates und der Gesellschaft befinden sich viele ehemalige Nazis, die kein Interesse an einer Erfassung oder gar einem Verfahren gegen Eichmann haben. Da die Jagd auf Nazis mit diesen Behörden nicht möglich ist, wendet er sich an den israelischen Geheimdienst.

Karl Angermann scheint Bauers einziger Verbündeter in der Staatsanwaltschaft zu sein. Der junge Neuling arbeitet für und mit Bauer und stellt den Kontakt zu einem zwielichtigen Journalisten her, der eine zweite unabhängige Quelle darstellen soll, um dem Mossad den sicheren Beweis zu liefern, dass sich Eichmann unter dem Namen Ricardo Klement in Argentinien aufhält. Der Journalist erfüllt seinen Auftrag und Bauer übergibt an den Mossad. Dieser entführt Eichmann und fliegt ihn nach Israel aus. Bauers Antrag auf Auslieferung nach Deutschland wird nicht stattgegeben, stattdessen wird Eichmann in Jerusalem angeklagt und hingerichtet.

Karl Angermann verkörpert einerseits die drei jungen Staatsanwälte, die Bauer zuarbeiteten, und andererseits Bauers Homosexualität. Angermann ist verheiratet, verspürt aber eine gewisse Unsicherheit und holt Bauers Rat wegen eines Falls wechselseitiger Onanie ein, den er vor Gericht anklagen muss. Als Bauer ihm dabei nahelegt, durch einen juristischen Kniff ein nahezu nichtiges Strafmaß statt den damals üblichen sechs Monaten Haft zu fordern, wird klar, dass beide gleiche Interessen verfolgen. Nach besagtem Prozess wird Angermann von einer Freundin des Angeklagten empfohlen, sich mal im Nachtlokal „Kokett“ umzuschauen, was Angermann nach langem Zögern auch tut. In der queeren Bar verliebt er sich in eine Sängerin. Diese Szene ist aus queerpolitischer Sicht interessant, denn die festen Grenzen zwischen weiblich und männlich werden in Frage gestellt – als Angermann mit der Sängerin schlafen will, offenbart sie ihren Penis. Die Affäre wird Angermann allerdings zum Verhängnis, er wird erpresst und entscheidet sich, seine „Taten“ selbst anzuzeigen.

Fritz BauerMittels eines Tricks versucht der Film hier, Bauers Homosexualität zu thematisieren und das Nicht-Darstellbare sichtbar zu machen. Unter anderem wurde er im dänischen Exil von der Sittenpolizei mit einem Prostituierten erwischt, jedoch bietet Bauers Leben kaum bzw. keine uns bekannten Möglichkeiten, seinem Begehren nachzugehen. Im Dritten Reich als Jude verfolgt, floh er nach seinem KZ-Aufenthalt nach Dänemark und weiter nach Schweden. Nach dem Exil gelangte er durch alte SPD-Connections in die Position des hessischen Generalstaatsanwalts, war dort aber so angreifbar wie eh und je. Ein schwuler Jude? Undenkbar für die damalige Zeit, der §175 wurde auch erst 1994 offiziell abgeschafft und so lange galt für Bauer eine klare Prioritätenliste: Nazis vor Gericht stellen und ihnen den Prozess machen, um die Deutschen mit ihrer Schuld zu konfrontieren, nicht aber sich für Homosexuelle einzusetzen. Sein Jüdisch-Sein konnte er nicht leugnen, über seine Sexualität aber ließ er nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Stattdessen forderte er das zu der Zeit übliche Strafmaß für homosexuelle Handlungen, nicht weniger und nicht mehr. Die Szenen im Film mit Karl Angermann und des Entdeckens heimlicher Verbündeter ist also frei erfunden und dient lediglich der Thematisierung. Dadurch wird die tatsächliche Einsamkeit Bauers etwas abgeschwächt. Auch wird nicht erwähnt oder dargestellt, dass einer der drei jungen Staatsanwälte ihn verriet und, nach dem er bei Bauer keine Karrierechancen mehr sah, als Strafverteidiger für ehemalige Nazis arbeitete.

Der Film ist an einigen Stellen humoristisch unterlegt. Das ist nicht schlecht, um erstens das ernste Thema etwas aufzulockern und zweitens Bauer nicht in einem rachsüchtigen, verbitterten Licht erscheinen zu lassen. Das war er nämlich bei Weitem nicht, seine Theorien zu „Strafe“ sind durchdacht und alles andere als vorherrschende Rechtsauffassung. Er setzt auf Resozialisation statt Rache; er ist durch und durch Pädagoge, der die Angeklagten nicht einfach wegsperren will, sondern ihnen die Folgen ihrer Taten vor Augen führen will. Nun weiß aber auch Bauer, dass von den damaligen SS-Männern, Wächtern und sonstigen Verantwortlichen wohl kaum wieder einer „rückfällig“ werden würde, sondern diese sich längst in der neuen Bundesrepublik wohl fühlten und im bürgerlichen Leben angekommen waren. Auschwitz-Lageradjutant Robert Mulka und der für seine Brutalitäten bekannte Wilhelm Boger arbeiteten als Kaufmänner, während andere Briefträger und Ärzte waren. Warum also überhaupt noch einen Prozess gegen dann letztlich doch nur wenige Verantwortliche führen? Bauer wollte den Deutschen zeigen, was sie in ihrer Gesamtheit und nicht nur Einzelne von ihnen getan hatten und warum eigentlich viel mehr vor Gericht stehen müssten. Klar, selbiges Ziel hatten auch schon die Nürnberger Prozesse gehabt, waren allerdings von den Alliierten durchgeführt worden und somit für viele Deutsche als „Siegerjustiz“ in die Geschichte eingegangen.

Bauer aber versuchte die Deutschen ganz direkt mit ihrer Schuld zu konfrontieren und nutzte die Bühne des Gerichts hierfür.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein lohnenswerter Film für all jene, die sich in den Nazi-Mief der Bundesrepublik bis in die 60er Jahre hineindenken wollen, für Jurist_innen, die sich auch gern mal mit Pädagogik auseinandersetzen und für alle Antifaschist_innen!


3 Antworten auf „„Der Staat gegen Fritz Bauer“: Die Verfilmung eines Helden“


  1. 1 Nora 13. November 2015 um 1:41 Uhr

    Finde den neuen Fritz-Bauer-Film auch gelungen, vor allem im Gegensatz zu „Im Labyrinth des Schweigens“, einem zweiten Film von vor ein, zwei Jahren, der ebenfalls etwas mit der Rolle Fritz Bauers zu tun hat – auch wenn er dort eher eine Nebenerscheinung bleibt. Was schon ein bisschen das Problem zeigt – er versucht die Geschichte der Auschwitzprozesse nachzuzeichnen, aber auf fiktive und recht geschichtsverzerrende Weise; wird dem Ganzen leider nicht gerecht.
    Da ist der neue schon viel besser und schafft es sogar, spannend zu inszenieren und zugleich historisch korrekt zu bleiben. Okay, über die Herausstellung des Themas seiner Homosexualität lässt sich vielleicht streiten, aber so schafft es der Film sogar, geniale queere Momente mit einzubauen.
    Ein Manko wäre vielleicht noch Fritz Bauers „guter Nachkriegs-Patriotismus“ („Wenn wir etwas für unser Land tun wollen, müssen wir es hier verraten!“), aber das wird eben seiner historischen Rolle und Person gerecht.

  2. 2 henning 13. Januar 2017 um 21:06 Uhr

    gute rezi! aber ein flüchtigkeitsfehler: dass „viele nazis vor gericht stehen“ müssten war sicher nicht das ziel der nürnberger gesetze, sondern der nürnberger prozesse …

  3. 3 cosmonautilus 14. Januar 2017 um 2:12 Uhr

    Danke für den Hinweis – ist bis jetzt tatsächlich durchgerutscht… Nun aber korrigiert!

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