Luke Cage: Rechtschaffende Cops und ein kugelsicherer Schwarzer

Luke Cage - PLakat mit dem Zitat
Diese Kritik beinhaltet Spoiler, die jedoch auf das absolut nötigste beschränkt werden. Relevante Elemente der Handlung werden nicht verraten und genügend Details verschwiegen um keine Plot-Twists zu verraten.

Der kugelsichere Schwarze
Luke Cage ist nicht der erste schwarze Superheld auf der Leinwand. Ihm kam mit knappem Vorsprung Black Panther zuvor, der schwarze König des afrikanischen Lands Wakanda, der seit dem dritten Teil von Captain America „Civil War“ die Avengers vervollständigt.

Als Afroamerikaner aus Harlem, samt Hoodie, hat Luke Cage trotzdem für große Aufregung gesorgt. In dem traditionell schwarzen Problemviertel von Manhattan steht er mit seiner Kapuze als Ikone der hochaktuellen Black Lives Matter-Bewegung, weil seine Superkraft ausgerechnet aus seiner Kugelsicherheit besteht. Den Produzent*innen ist dies durchaus bewusst und obwohl das Original-Comic kaum politisch ist – abseits von der Tatsache der Hautfarbe des Helden – wird die politische Brisanz betont und angenommen. Entsprechend begeistert wird die Serie von Medien und Publikum aufgenommen. Kommentator*innen und Kritiker*innen loben die politische Ausgestaltung der Serie und den Stellenwert, den schwarze Kultur und schwarze Probleme in der Serie einnehmen. Rolling Stones betitelt Luke Cage als „Black Lives Matter Superhero“. Allein die Inszenierung der Serie im Sinne des Themas Polizeigewalt gegen Schwarze ist ein erstaunlicher Beitrag zum Diskurs in den USA.

Die Serie bietet einige positive Überraschungen, doch es gibt leider auch einiges zu mäkeln.

Bad Neighborhood
Bemerkenswert ist, dass Kriminalität im Harlem von Luke Cage nicht nur einfach Alltag ist, sondern augenscheinlich jede*r tief darin verwickelt ist. Alle Charaktere sind entweder aktive Gangster*innen oder können zumindest eine kriminelle Karriere oder wenigestens einen Knastaufenthalt vorweisen. Der Hauptprotagonist bildet da keine Ausnahme. Die Kriminalität reicht dabei vom scharzen Straßendealer hoch bis zur scharzen Politikerin. In Harlem ist niemand unschuldig oder Zivilist*in. Das hinterlässt einen sehr verdächtigen Geschmack, so sehr entspricht diese Zeichnung der Phantasievorstellung des durchschnittlichen Ku-Kluxers. Gleichzeitig schafft dieses Setting aber eine bemerkenswerte Welt, in der Kriminalität so sehr zum Alltag gehört, dass sie zur Normalität wird, ihren rechtsstaatlichen Makel zum größten Teil einbüßt und die Zuschauer*in sich schnell schulterzuckend damit arrangiert. Da wird der bewaffnete Raubüberfall schnell zum Kavaliersdelikt.
Auch Luke Cage hebt sich in dieser Welt auffällig von seinen Superhero-Kolleg*innen ab. Statt wie Spiderman die Omi vor dem Handtaschendieb zu retten oder wie Batman dem Bankräuber das Gesicht einzuschlagen, kümmert er sich nicht weiter um die Kleinkriminellen, sondern widmet seine Superkräfte einer rein persönlichen Vendetta gegen den lokalen Mafiaboss. Dank unbesiegbarer Muskelkraft und undurchdringlicher Haut kann er dabei mit einer so sorglosen Gelassenheit vorgehen, dass er es nicht mal nötig hat, zur Strecke gebrachte Handlanger der Polizei auszuliefern, sondern sie mit einem Schrecken nach Hause schickt. Von der typischen Gesellschafts-Reinigungswut und Law-and-Order-Mentalität des typischen Superhelden ist hier nichts zu finden.

In diesem Sinne knüpft die Serie unmittelbar an die fragwürdige schwarze Gangster-Identität in Amerika an, am besten repräsentiert durch die endlose Reihe von Gangster-Rappern, die der schwarzen Jugend von Drogengeschäften und Gang-Schießereien vorschwärmen. Der positive Bezug auf Kriminalität wird glaubwürdig aufgegriffen und fortgesponnen und in diesem Sinne ist die Serie mutig, weil sie sich so in die Lage versetzt diese Kultur der Kriminalität empathisch und von innen Stück für Stück in Frage zu stellen, statt aus Angst vor dem Befeuern rassistischer Diskurse davor zurückzuschrecken. Die „Kids von der Straße holen“, also ihnen eine andere Perspektive durch gutes Vorbild und eine andere Kultur zu bieten, ist auch die Mission des rustikalen Friseurladens von Luke Cages sympathischem Mentor Pop.

Die Serie setzt diese Form des Muts (oder Leichtsinns?) auch beim Thema des Aufwachsens mit alleinerziehenden Müttern ein. Viele Charaktere haben ihre Väter nicht kennen gelernt, weil diese die Familie verlassen haben, umgekommen sind oder ihr Leben hinter Gittern verbringen. Die Erzählung, dass schwarze Männer ihre Familien verlassen, ist ein feststehendes Narrativ von Rassist*innen in den USA. Gleichzeitig offenbaren Statistiken eine tatsächlich enorme Zahl von alleinerziehenden Müttern in scharzen Communitys. Die Serie geht auch hier das Risiko ein, rassistische Stereotype zu fördern, um das Problem zu thematisieren und vorsichtig auf einen Kulturwandel zu drängen.

Mit dem rein scharzen/PoC- Cast und dem scharzen Regisseur und Drehbuchautor Cheo Hodari Coker mutet die Serie so an wie ein ungezwungener innerschwarzer kultureller Diskurs, jedoch eben unter den wachen Augen der rassistischen Mehrheitsgesellschaft.

Rechtschaffende Cops
Dass alle in Luke Cages Harlem kriminell sind, stimmt jedoch nicht ganz. Gänzlich auf einsamem Posten, ein Fels in der Brandung der Alltagskriminalität steht die Polizei und geht beflissen ihrer Arbeit nach. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Kriminalität, die sich bei der Zuschauer*in bereits eingeschlichen hat, ist bei der Harlemer Polizei bereits zum Credo geworden. Kleinere Delikte werden mit einem Schulterzucken hingenommen und sich auf die wichtige, tatsächliche Kriminalität konzentriert. Unterhalb von Mord und Waffenschmuggel steigt die Harlemer Polizei gar nicht erst ins Auto.

Bei der Polizei wird es jedoch spannend. Die allseits bejubelte Politisierung des Luke Cage-Franchise vom kugelsicheren Schwarzen Mann mit dem Hoodie entbrennt sich an der Frage, wann die Polizei nun anfängt auf ihn zu schießen. Ist Luke Cage der einzige Schwarze, der dank Diamant-Haut unbesorgt durch die New Yorker Straßen wandeln kann, ohne Angst vor dem berüchtigten „Warnschuss in den Rücken“ von einem schießwütigen, rassistischen Cop haben zu müssen?

Wir werden es nicht erfahren, denn rassistische, schießwütige Cops gibt es in Harlem keine. Zwar spitzt sich der Konflikt zwischen dem selbsternannten Rächer und den Gesetzeshütern immer weiter zu, bis hin zu dem Punkt, an dem Luke tatsächlich um sein Leben fürchten muss, wenn die Polizei sich mit speziellen Anti-Luke-Cage-Kugeln aufmunitioniert. Doch weder wird von diesen Kugeln Gebrauch gemacht, noch geht der Konflikt überhaupt auf die Mordlüsternheit der Polizei zurück, sondern muss erst künstlich von Luke Cages (schwarzem) Widersacher inszeniert werden. Würde dieser Luke Cage nicht zur Bedrohung für Leib und Leben gewissenhafter Polizist*innen verklären, gäbe es ein harmonisches Nebeneinander von Polizist*innen und schwarzen Männern mit Kapuzenpullis.

Drei Jahre seit der Black Lives Matter-Bewegung ist Hollywood immer noch felsenfest von der Makellosigkeit der Polizei überzeugt. Selbst der einzelne korrupte Cop tötet nicht aus Rassismus oder Brutalität, sondern der mit Gewissensbissen geplagte Auftragsmörder der Mafia. Die Serie reiht sich damit ein in die endlose Reihe von Kulturprodukten, die die Polizei als Gewalt- und Repressionsorgan verharmlosen und versuchen, tiefe Empathie mit den Polizist*innen zu wecken. Durch und durch aufrichtige Polizist*innen unter den eifersüchtigen Argus-Augen der Öffentlichkeit, eingezwängt in ein Korsett an Vorschriften und Einschränkungen, die ihre Arbeit verunmöglichen, sind durchweg die Held*innen amerikanischer Filme (von deutschen mal ganz zu schweigen). Korruption, also der Verstoß gegen Polizei-Ehre und -mission, der Verrat am Staat, ist da das Höchste der zugestandenen Charakterschwäche. Für Rassismus, Gewaltgeilheit, autoritäre Sehnsucht und antidemokratische Überzeugungen ist in dieser Bilderbuchpolizei kein Platz. Dazu kommt die zunehmende Enthemmung der Film-Polizist*innen in Film und Fernsehen: Illegale Überwachung, Folter und Regelübertritte im Sinne der guten Sache werden von Film zu Film selbstverständlicher. Letzterem bietet die Serie jedoch immerhin keinen Vorschub. Die Aufrüstung der Polizei wird etwa (aus pragmatischen Gründen) problematisiert.

Die politische Brisanz der Polizeigewalt-Thematik versteckt sich in der Serie so nur noch in zarten Andeutungen, wie der Feststellung einer Polizistin(!), dass sie durchaus Verständnis dafür habe, wenn ein schwarzer Mann vor der Polizei davonläuft, selbst wenn er unschuldig ist. Zum Ende hin nimmt die politische Dimension unvermittelt an Fahrt auf. Die Verfolgung von Cage durch die Polizei sorgt für eine berauschende Solidarisierungswelle in der schwarzen Bevölkerung von Harlem, die sich schützend vor ihren Helden stellen. Der Hoodie wird analog zur Black Lives Matter-Bewegung zum Symbol des Widerstands gegen eine Polizeiwillkür, die aber tatsächlich nur ein großes Missverständnis ist. Der Black Pride kulminiert in einem Gastauftritt des Rappers Method Man (Wu-Tang-Clan), der einen Soli-Rap für Luke Cage hinlegt.

Postrassistische Gesellschaft
Dabei beschränkt sich die heile Welt nicht nur auf die Polizei. Das gesellschaftliche Phänomen Rassismus ist in der Serie schlichtweg unbekannt. Luke hat sich nicht mit rassistischen Sprüchen herumzuschlagen, muss sich keine Sorgen darum machen, dass rassistische Schläger*innen seinen Freund*innen auflauern, die gebannte Öffentlichkeit verliert kein Sterbenswörtchen über die Hautfarbe des Superhelden und um Diskriminierung bei der Job- oder Wohnungssuche macht sich niemand Gedanken. Soviel Utopie könnte zu Hochgefühlen rühren, wäre Harlem nicht trotzdem so hässlich. Armut, Knast und Gewalt prägen den Alltag der geplagten schwarzen Bevölkerung. Durch das völlige Fehlen von Rassismus erscheinen diese Zustände jedoch naturgegeben, eine Emanzipationsperspektive kann gleich gar nicht aufscheinen. Warum die Menschen in diesem Viertel arm sind, wieso sie lieber die kriminelle Karriere statt einen regulären Job suchen, lässt die Zuschauer*in ratlos zurück. Ist es am Ende einfach die Kultur der Schwarzen?

Wo sind die Weißen?
Bild vom Main-Cast der Serie mit 6 schwarzen oder hispanischen Schauspieler*innen
Eine bemerkenswerte Randnotiz der Entstehung des Horrofilms „Silent Hill“ von 2006 ist die Zurückweisung des ersten Skripts mit der kurzen Begründung „there are no men!“. Der Film kam mit seinen beiden weiblichen Hauptcharakteren und den beiden Antagonistinnen tatsächlich ganz ohne Männerrollen aus. Während Filme ohne Frauenrollen keine besondere Aufmerksamkeit erwecken, konnten diese Umstände andersherum nicht geduldet werden. Regisseur Christophe Gans musste zwei völlig überflüssige männliche Hauptrollen in den Film einbauen, um das Okay vom Produzenten zu bekommen.

Dieses Schicksal musste die Serie Luke Cage ganz offenbar nicht erleiden: Nicht im Sinne der Geschlechterbesetzung, sondern der Hautfarbe. Weiße Charaktere kommen – bis auf eine kleine Ausnahme – nicht vor. Hellere Hautfarben werden höchstens von asiatischstämmigen Amerikaner*innen und Hispanics in den Film getragen und auch diese kann man mit der Lupe suchen. Würde man einen Bechdel-Test über Nicht-Schwarze anwenden, würde die Serie komplett durchfallen. So sind Gespräche zwischen vier schwarzen Charakteren völlig normal und fallen kaum mehr auf. Auch der Anteil an Frauen ist vorbildlich. Am sinnbildlichsten steht eine Szene, in der die schwarze Polizei-Detective Misty mit ihren beiden weiblichen, schwarzen Vorgesetzten über Verbrechensbekämpfung diskutiert. In einer Zeit, in der schwarze Charaktere in Film und Fernsehen immer noch den Eindruck erwecken, als würden sie nur quotenmäßig Platz finden, ist das eine augenöffnende Erfahrung.


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