Die Massen der LL(L)-Demo einmal tatsächlich durchgezählt

Die alljährliche Luxemburg-Liebknecht-(Lenin-)Demo in Berlin ist nicht nur legendär, was das Schaulaufen unterschiedlichster K-Gruppen angeht, sondern auch was die ausgegebenen Teilnehmer*innenzahlen betrifft. Handelte es sich dabei nach der Wende noch um eine eindrucksvolle Demonstration, die den größten Teil der Linken im Gedenken an die ermordeten Luxemburg und Liebknecht und die Gefallenen des Spartakusaufstands von 1919 vereinen konnte, schreckten über die Jahre vor allem der zur Schau getragene Pathos, Stalinismus und Querfront-Tendenzen immer mehr Linke von einer Teilnahme ab. Diese Entwicklung wird vom Demo-Bündnis jedoch so hartnäckig ausgeblendet, dass es sich zu einem regelrechten Kuriosum entwickelt hat. So wird sich nicht nur geweigert, die sinkende Teilnehmer*innenzahl einzuräumen, sondern unbeschwert ein Zuwachs verkündet.

Die offiziell vom Bündnis herausgegebenen Zahlen der letzten Jahre lauten dementsprechend:

    2013 – 10.000
    2014 – 12.000
    2015 – 13.000
    2016 – 14.000

Die Angaben von Medien und Polizei weichen von diesen Fantasiezahlen enorm ab. Da wir bei dieser Frage aber weder Medien und erst recht nicht der Polizei vertrauen, haben wir uns vor allem aus Neugier in diesem Jahr daran gemacht, die tatsächliche Größe der Demo herauszufinden, indem wir sie schlicht gezählt haben. Methodisches Vorbild war dabei die Forschungsgruppe „Durchgezählt“ aus Leipzig, die sich seit einigen Jahren mit quantitativer Statistik größerer Veranstaltungen beschäftigt. Damit auch alle anderen etwas davon haben, wollen wir unser Ergebnis veröffentlichen. Und da wir natürlich nicht erwarten, dass uns vorbehaltlos geglaubt wird, versuchen wir die Zählung nachvollziehbar und transparent zu machen.

Die Methode

In einer ersten und zuverlässigeren Zählung haben wir uns eng an die Methode von „Durchzählt“ gehalten: Dabei zählten wir auf einem von oben aufgenommenen Video des gesamten Demozugs einzeln alle Personen, die eine bestimmte, durchs Bild gelegte „Schranke“ durchlaufen. Eine besondere Herausforderung der LL(L)-Demo stellt ihr Heer an Fahnen dar, sodass diese Methode mit bewegten Bildern eine bessere Orientierung bietet, Menschen auch vor oder nach dem Durchschreiten der „Schranke“ hinter solchen „Schwenkelementen“ auszumachen. Das Video des Demozugs entstand auf Höhe des S- und U-Bahnhofs Frankfurter Allee, an dem die Demo 23 Minuten lang vorbeizog.

Um die Zählung besser nachvollziehbar zu machen, haben wir zur Dokumentation der Größenordnung des Ergebnisses außerdem noch eine zweite Methode angewendet. Dafür haben wir Bilder des Videos zusammengeschnitten, um die Demonstration in ihrer kompletten Länge abzubilden und anschließend alle Teilnehmer*innen mit einer Zahl zu markieren.

Lenin - noch immer auf dem Fronttranspi.
Lenin - noch immer auf dem Fronttranspi.
Ruhm und Ehre - Jugendwiderstand in seinem Element.
Die Flagge der Volksrepublik Donezk (Ostukraine).

Durch die Verwendung von Standbildern und die Fahnenproblematik ergibt diese Methode jedoch ein ungenaueres Ergebnis.

Das Ergebnis

Das Ergebnis unserer ersten und zuverlässigeren Methode ergibt eine Zahl von 3.390 Demonstrationsteilnehmer*innen auf der LL(L)-Demo 2017. Der Mitschnitt des Demozugs, aus dem dieser Wert ermittelt wurde, ist hier hochgeladen.

Die zweite Methode bestätigt die Größenordnung mit einem Ergebnis von 3.260 – das Panorama dazu gibt es hier (Achtung, extrem breit. Anm.: Bedingt durch die Panoramamethode befanden sich hier teilweise Personen mehrfach im Bild – vor allem die Photograph*innen auf der Mittelinsel – daher sind nicht immer alle Personen markiert. Demoteile auf Bildern, die sich überlappen sind entsprechend ausgegraut).

Außerdem interessant war für uns das Größenverhältnis der Blöcke auf der Demonstration. Im Frontblock fanden sich 400 Teilnehmer*innen zusammen, danach folgten der Antimil-Block mit 500 und der DKP-Block mit 450 Menschen. Der Antifa-Block fiel demgegenüber klein aus mit 250 Teilnehmer*innen. Auf die unterschiedlichen Blöcke der K-Gruppen gegen Ende der Demo verteilten sich etwa 1.000 Menschen von MLPD, TKIP, KPD/ML, trotzkistischen Parteien bis zu den völkischen Maoist*innen vom Jugendwiderstand und andere stramme Miniblöcke.

Nach Angabe der Veranstalter*innen hat die Zahl der Teilnehmer*innen der LL(L)-Demo auch in diesem Jahr wieder das Plansoll erfüllt: Sie sprechen mit 10.000 Personen erneut von einer fünfstelligen Zahl, liegen damit um etwa das Dreifache daneben und reihen sich weiterhin nicht nur ideologisch, sondern auch methodisch in die ungebrochene Tradition der DDR ein.


0 Antworten auf „Die Massen der LL(L)-Demo einmal tatsächlich durchgezählt“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs − = drei