cosmonautilus http://cosmonautilus.blogsport.de Sat, 21 Jan 2017 00:03:30 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Die Massen der LL(L)-Demo einmal tatsächlich durchgezählt http://cosmonautilus.blogsport.de/2017/01/15/die-massen-der-lll-demo-einmal-tatsaechlich-durchgezaehlt/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2017/01/15/die-massen-der-lll-demo-einmal-tatsaechlich-durchgezaehlt/#comments Sun, 15 Jan 2017 20:48:52 +0000 cosmonautilus Kritik http://cosmonautilus.blogsport.de/2017/01/15/die-massen-der-lll-demo-einmal-tatsaechlich-durchgezaehlt/

Die alljährliche Luxemburg-Liebknecht-(Lenin-)Demo in Berlin ist nicht nur legendär, was das Schaulaufen unterschiedlichster K-Gruppen angeht, sondern auch was die ausgegebenen Teilnehmer*innenzahlen betrifft. Handelte es sich dabei nach der Wende noch um eine eindrucksvolle Demonstration, die den größten Teil der Linken im Gedenken an die ermordeten Luxemburg und Liebknecht und die Gefallenen des Spartakusaufstands von 1919 vereinen konnte, schreckten über die Jahre vor allem der zur Schau getragene Pathos, Stalinismus und Querfront-Tendenzen immer mehr Linke von einer Teilnahme ab. Diese Entwicklung wird vom Demo-Bündnis jedoch so hartnäckig ausgeblendet, dass es sich zu einem regelrechten Kuriosum entwickelt hat. So wird sich nicht nur geweigert, die sinkende Teilnehmer*innenzahl einzuräumen, sondern unbeschwert ein Zuwachs verkündet.

Die offiziell vom Bündnis herausgegebenen Zahlen der letzten Jahre lauten dementsprechend:

    2013 – 10.000
    2014 – 12.000
    2015 – 13.000
    2016 – 14.000

Die Angaben von Medien und Polizei weichen von diesen Fantasiezahlen enorm ab. Da wir bei dieser Frage aber weder Medien und erst recht nicht der Polizei vertrauen, haben wir uns vor allem aus Neugier in diesem Jahr daran gemacht, die tatsächliche Größe der Demo herauszufinden, indem wir sie schlicht gezählt haben. Methodisches Vorbild war dabei die Forschungsgruppe „Durchgezählt“ aus Leipzig, die sich seit einigen Jahren mit quantitativer Statistik größerer Veranstaltungen beschäftigt. Damit auch alle anderen etwas davon haben, wollen wir unser Ergebnis veröffentlichen. Und da wir natürlich nicht erwarten, dass uns vorbehaltlos geglaubt wird, versuchen wir die Zählung nachvollziehbar und transparent zu machen.

Die Methode

In einer ersten und zuverlässigeren Zählung haben wir uns eng an die Methode von „Durchzählt“ gehalten: Dabei zählten wir auf einem von oben aufgenommenen Video des gesamten Demozugs einzeln alle Personen, die eine bestimmte, durchs Bild gelegte „Schranke“ durchlaufen. Eine besondere Herausforderung der LL(L)-Demo stellt ihr Heer an Fahnen dar, sodass diese Methode mit bewegten Bildern eine bessere Orientierung bietet, Menschen auch vor oder nach dem Durchschreiten der „Schranke“ hinter solchen „Schwenkelementen“ auszumachen. Das Video des Demozugs entstand auf Höhe des S- und U-Bahnhofs Frankfurter Allee, an dem die Demo 23 Minuten lang vorbeizog.

Um die Zählung besser nachvollziehbar zu machen, haben wir zur Dokumentation der Größenordnung des Ergebnisses außerdem noch eine zweite Methode angewendet. Dafür haben wir Bilder des Videos zusammengeschnitten, um die Demonstration in ihrer kompletten Länge abzubilden und anschließend alle Teilnehmer*innen mit einer Zahl zu markieren.

Lenin - noch immer auf dem Fronttranspi.
Lenin - noch immer auf dem Fronttranspi.
Ruhm und Ehre - Jugendwiderstand in seinem Element.
Die Flagge der Volksrepublik Donezk (Ostukraine).

Durch die Verwendung von Standbildern und die Fahnenproblematik ergibt diese Methode jedoch ein ungenaueres Ergebnis.

Das Ergebnis

Das Ergebnis unserer ersten und zuverlässigeren Methode ergibt eine Zahl von 3.390 Demonstrationsteilnehmer*innen auf der LL(L)-Demo 2017. Der Mitschnitt des Demozugs, aus dem dieser Wert ermittelt wurde, ist hier hochgeladen.

Die zweite Methode bestätigt die Größenordnung mit einem Ergebnis von 3.260 – das Panorama dazu gibt es hier (Achtung, extrem breit. Anm.: Bedingt durch die Panoramamethode befanden sich hier teilweise Personen mehrfach im Bild – vor allem die Photograph*innen auf der Mittelinsel – daher sind nicht immer alle Personen markiert. Demoteile auf Bildern, die sich überlappen sind entsprechend ausgegraut).

Außerdem interessant war für uns das Größenverhältnis der Blöcke auf der Demonstration. Im Frontblock fanden sich 400 Teilnehmer*innen zusammen, danach folgten der Antimil-Block mit 500 und der DKP-Block mit 450 Menschen. Der Antifa-Block fiel demgegenüber klein aus mit 250 Teilnehmer*innen. Auf die unterschiedlichen Blöcke der K-Gruppen gegen Ende der Demo verteilten sich etwa 1.000 Menschen von MLPD, TKIP, KPD/ML, trotzkistischen Parteien bis zu den völkischen Maoist*innen vom Jugendwiderstand und andere stramme Miniblöcke.

Nach Angabe der Veranstalter*innen hat die Zahl der Teilnehmer*innen der LL(L)-Demo auch in diesem Jahr wieder das Plansoll erfüllt: Sie sprechen mit 10.000 Personen erneut von einer fünfstelligen Zahl, liegen damit um etwa das Dreifache daneben und reihen sich weiterhin nicht nur ideologisch, sondern auch methodisch in die ungebrochene Tradition der DDR ein.

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Luke Cage: Rechtschaffende Cops und ein kugelsicherer Schwarzer http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/11/11/luke-cage-rechtschaffende-cops-und-ein-kugelsicherer-schwarzer/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/11/11/luke-cage-rechtschaffende-cops-und-ein-kugelsicherer-schwarzer/#comments Fri, 11 Nov 2016 03:10:26 +0000 z9 Film & Popkultur Antirassismus Law & Order http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/11/11/luke-cage-rechtschaffende-cops-und-ein-kugelsicherer-schwarzer/ Luke Cage - PLakat mit dem Zitat
Diese Kritik beinhaltet Spoiler, die jedoch auf das absolut nötigste beschränkt werden. Relevante Elemente der Handlung werden nicht verraten und genügend Details verschwiegen um keine Plot-Twists zu verraten.

Der kugelsichere Schwarze
Luke Cage ist nicht der erste schwarze Superheld auf der Leinwand. Ihm kam mit knappem Vorsprung Black Panther zuvor, der schwarze König des afrikanischen Lands Wakanda, der seit dem dritten Teil von Captain America „Civil War“ die Avengers vervollständigt.

Als Afroamerikaner aus Harlem, samt Hoodie, hat Luke Cage trotzdem für große Aufregung gesorgt. In dem traditionell schwarzen Problemviertel von Manhattan steht er mit seiner Kapuze als Ikone der hochaktuellen Black Lives Matter-Bewegung, weil seine Superkraft ausgerechnet aus seiner Kugelsicherheit besteht. Den Produzent*innen ist dies durchaus bewusst und obwohl das Original-Comic kaum politisch ist – abseits von der Tatsache der Hautfarbe des Helden – wird die politische Brisanz betont und angenommen. Entsprechend begeistert wird die Serie von Medien und Publikum aufgenommen. Kommentator*innen und Kritiker*innen loben die politische Ausgestaltung der Serie und den Stellenwert, den schwarze Kultur und schwarze Probleme in der Serie einnehmen. Rolling Stones betitelt Luke Cage als „Black Lives Matter Superhero“. Allein die Inszenierung der Serie im Sinne des Themas Polizeigewalt gegen Schwarze ist ein erstaunlicher Beitrag zum Diskurs in den USA.

Die Serie bietet einige positive Überraschungen, doch es gibt leider auch einiges zu mäkeln.

Bad Neighborhood
Bemerkenswert ist, dass Kriminalität im Harlem von Luke Cage nicht nur einfach Alltag ist, sondern augenscheinlich jede*r tief darin verwickelt ist. Alle Charaktere sind entweder aktive Gangster*innen oder können zumindest eine kriminelle Karriere oder wenigestens einen Knastaufenthalt vorweisen. Der Hauptprotagonist bildet da keine Ausnahme. Die Kriminalität reicht dabei vom scharzen Straßendealer hoch bis zur scharzen Politikerin. In Harlem ist niemand unschuldig oder Zivilist*in. Das hinterlässt einen sehr verdächtigen Geschmack, so sehr entspricht diese Zeichnung der Phantasievorstellung des durchschnittlichen Ku-Kluxers. Gleichzeitig schafft dieses Setting aber eine bemerkenswerte Welt, in der Kriminalität so sehr zum Alltag gehört, dass sie zur Normalität wird, ihren rechtsstaatlichen Makel zum größten Teil einbüßt und die Zuschauer*in sich schnell schulterzuckend damit arrangiert. Da wird der bewaffnete Raubüberfall schnell zum Kavaliersdelikt.
Auch Luke Cage hebt sich in dieser Welt auffällig von seinen Superhero-Kolleg*innen ab. Statt wie Spiderman die Omi vor dem Handtaschendieb zu retten oder wie Batman dem Bankräuber das Gesicht einzuschlagen, kümmert er sich nicht weiter um die Kleinkriminellen, sondern widmet seine Superkräfte einer rein persönlichen Vendetta gegen den lokalen Mafiaboss. Dank unbesiegbarer Muskelkraft und undurchdringlicher Haut kann er dabei mit einer so sorglosen Gelassenheit vorgehen, dass er es nicht mal nötig hat, zur Strecke gebrachte Handlanger der Polizei auszuliefern, sondern sie mit einem Schrecken nach Hause schickt. Von der typischen Gesellschafts-Reinigungswut und Law-and-Order-Mentalität des typischen Superhelden ist hier nichts zu finden.

In diesem Sinne knüpft die Serie unmittelbar an die fragwürdige schwarze Gangster-Identität in Amerika an, am besten repräsentiert durch die endlose Reihe von Gangster-Rappern, die der schwarzen Jugend von Drogengeschäften und Gang-Schießereien vorschwärmen. Der positive Bezug auf Kriminalität wird glaubwürdig aufgegriffen und fortgesponnen und in diesem Sinne ist die Serie mutig, weil sie sich so in die Lage versetzt diese Kultur der Kriminalität empathisch und von innen Stück für Stück in Frage zu stellen, statt aus Angst vor dem Befeuern rassistischer Diskurse davor zurückzuschrecken. Die „Kids von der Straße holen“, also ihnen eine andere Perspektive durch gutes Vorbild und eine andere Kultur zu bieten, ist auch die Mission des rustikalen Friseurladens von Luke Cages sympathischem Mentor Pop.

Die Serie setzt diese Form des Muts (oder Leichtsinns?) auch beim Thema des Aufwachsens mit alleinerziehenden Müttern ein. Viele Charaktere haben ihre Väter nicht kennen gelernt, weil diese die Familie verlassen haben, umgekommen sind oder ihr Leben hinter Gittern verbringen. Die Erzählung, dass schwarze Männer ihre Familien verlassen, ist ein feststehendes Narrativ von Rassist*innen in den USA. Gleichzeitig offenbaren Statistiken eine tatsächlich enorme Zahl von alleinerziehenden Müttern in scharzen Communitys. Die Serie geht auch hier das Risiko ein, rassistische Stereotype zu fördern, um das Problem zu thematisieren und vorsichtig auf einen Kulturwandel zu drängen.

Mit dem rein scharzen/PoC- Cast und dem scharzen Regisseur und Drehbuchautor Cheo Hodari Coker mutet die Serie so an wie ein ungezwungener innerschwarzer kultureller Diskurs, jedoch eben unter den wachen Augen der rassistischen Mehrheitsgesellschaft.

Rechtschaffende Cops
Dass alle in Luke Cages Harlem kriminell sind, stimmt jedoch nicht ganz. Gänzlich auf einsamem Posten, ein Fels in der Brandung der Alltagskriminalität steht die Polizei und geht beflissen ihrer Arbeit nach. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Kriminalität, die sich bei der Zuschauer*in bereits eingeschlichen hat, ist bei der Harlemer Polizei bereits zum Credo geworden. Kleinere Delikte werden mit einem Schulterzucken hingenommen und sich auf die wichtige, tatsächliche Kriminalität konzentriert. Unterhalb von Mord und Waffenschmuggel steigt die Harlemer Polizei gar nicht erst ins Auto.

Bei der Polizei wird es jedoch spannend. Die allseits bejubelte Politisierung des Luke Cage-Franchise vom kugelsicheren Schwarzen Mann mit dem Hoodie entbrennt sich an der Frage, wann die Polizei nun anfängt auf ihn zu schießen. Ist Luke Cage der einzige Schwarze, der dank Diamant-Haut unbesorgt durch die New Yorker Straßen wandeln kann, ohne Angst vor dem berüchtigten „Warnschuss in den Rücken“ von einem schießwütigen, rassistischen Cop haben zu müssen?

Wir werden es nicht erfahren, denn rassistische, schießwütige Cops gibt es in Harlem keine. Zwar spitzt sich der Konflikt zwischen dem selbsternannten Rächer und den Gesetzeshütern immer weiter zu, bis hin zu dem Punkt, an dem Luke tatsächlich um sein Leben fürchten muss, wenn die Polizei sich mit speziellen Anti-Luke-Cage-Kugeln aufmunitioniert. Doch weder wird von diesen Kugeln Gebrauch gemacht, noch geht der Konflikt überhaupt auf die Mordlüsternheit der Polizei zurück, sondern muss erst künstlich von Luke Cages (schwarzem) Widersacher inszeniert werden. Würde dieser Luke Cage nicht zur Bedrohung für Leib und Leben gewissenhafter Polizist*innen verklären, gäbe es ein harmonisches Nebeneinander von Polizist*innen und schwarzen Männern mit Kapuzenpullis.

Drei Jahre seit der Black Lives Matter-Bewegung ist Hollywood immer noch felsenfest von der Makellosigkeit der Polizei überzeugt. Selbst der einzelne korrupte Cop tötet nicht aus Rassismus oder Brutalität, sondern der mit Gewissensbissen geplagte Auftragsmörder der Mafia. Die Serie reiht sich damit ein in die endlose Reihe von Kulturprodukten, die die Polizei als Gewalt- und Repressionsorgan verharmlosen und versuchen, tiefe Empathie mit den Polizist*innen zu wecken. Durch und durch aufrichtige Polizist*innen unter den eifersüchtigen Argus-Augen der Öffentlichkeit, eingezwängt in ein Korsett an Vorschriften und Einschränkungen, die ihre Arbeit verunmöglichen, sind durchweg die Held*innen amerikanischer Filme (von deutschen mal ganz zu schweigen). Korruption, also der Verstoß gegen Polizei-Ehre und -mission, der Verrat am Staat, ist da das Höchste der zugestandenen Charakterschwäche. Für Rassismus, Gewaltgeilheit, autoritäre Sehnsucht und antidemokratische Überzeugungen ist in dieser Bilderbuchpolizei kein Platz. Dazu kommt die zunehmende Enthemmung der Film-Polizist*innen in Film und Fernsehen: Illegale Überwachung, Folter und Regelübertritte im Sinne der guten Sache werden von Film zu Film selbstverständlicher. Letzterem bietet die Serie jedoch immerhin keinen Vorschub. Die Aufrüstung der Polizei wird etwa (aus pragmatischen Gründen) problematisiert.

Die politische Brisanz der Polizeigewalt-Thematik versteckt sich in der Serie so nur noch in zarten Andeutungen, wie der Feststellung einer Polizistin(!), dass sie durchaus Verständnis dafür habe, wenn ein schwarzer Mann vor der Polizei davonläuft, selbst wenn er unschuldig ist. Zum Ende hin nimmt die politische Dimension unvermittelt an Fahrt auf. Die Verfolgung von Cage durch die Polizei sorgt für eine berauschende Solidarisierungswelle in der schwarzen Bevölkerung von Harlem, die sich schützend vor ihren Helden stellen. Der Hoodie wird analog zur Black Lives Matter-Bewegung zum Symbol des Widerstands gegen eine Polizeiwillkür, die aber tatsächlich nur ein großes Missverständnis ist. Der Black Pride kulminiert in einem Gastauftritt des Rappers Method Man (Wu-Tang-Clan), der einen Soli-Rap für Luke Cage hinlegt.

Postrassistische Gesellschaft
Dabei beschränkt sich die heile Welt nicht nur auf die Polizei. Das gesellschaftliche Phänomen Rassismus ist in der Serie schlichtweg unbekannt. Luke hat sich nicht mit rassistischen Sprüchen herumzuschlagen, muss sich keine Sorgen darum machen, dass rassistische Schläger*innen seinen Freund*innen auflauern, die gebannte Öffentlichkeit verliert kein Sterbenswörtchen über die Hautfarbe des Superhelden und um Diskriminierung bei der Job- oder Wohnungssuche macht sich niemand Gedanken. Soviel Utopie könnte zu Hochgefühlen rühren, wäre Harlem nicht trotzdem so hässlich. Armut, Knast und Gewalt prägen den Alltag der geplagten schwarzen Bevölkerung. Durch das völlige Fehlen von Rassismus erscheinen diese Zustände jedoch naturgegeben, eine Emanzipationsperspektive kann gleich gar nicht aufscheinen. Warum die Menschen in diesem Viertel arm sind, wieso sie lieber die kriminelle Karriere statt einen regulären Job suchen, lässt die Zuschauer*in ratlos zurück. Ist es am Ende einfach die Kultur der Schwarzen?

Wo sind die Weißen?
Bild vom Main-Cast der Serie mit 6 schwarzen oder hispanischen Schauspieler*innen
Eine bemerkenswerte Randnotiz der Entstehung des Horrofilms „Silent Hill“ von 2006 ist die Zurückweisung des ersten Skripts mit der kurzen Begründung „there are no men!“. Der Film kam mit seinen beiden weiblichen Hauptcharakteren und den beiden Antagonistinnen tatsächlich ganz ohne Männerrollen aus. Während Filme ohne Frauenrollen keine besondere Aufmerksamkeit erwecken, konnten diese Umstände andersherum nicht geduldet werden. Regisseur Christophe Gans musste zwei völlig überflüssige männliche Hauptrollen in den Film einbauen, um das Okay vom Produzenten zu bekommen.

Dieses Schicksal musste die Serie Luke Cage ganz offenbar nicht erleiden: Nicht im Sinne der Geschlechterbesetzung, sondern der Hautfarbe. Weiße Charaktere kommen – bis auf eine kleine Ausnahme – nicht vor. Hellere Hautfarben werden höchstens von asiatischstämmigen Amerikaner*innen und Hispanics in den Film getragen und auch diese kann man mit der Lupe suchen. Würde man einen Bechdel-Test über Nicht-Schwarze anwenden, würde die Serie komplett durchfallen. So sind Gespräche zwischen vier schwarzen Charakteren völlig normal und fallen kaum mehr auf. Auch der Anteil an Frauen ist vorbildlich. Am sinnbildlichsten steht eine Szene, in der die schwarze Polizei-Detective Misty mit ihren beiden weiblichen, schwarzen Vorgesetzten über Verbrechensbekämpfung diskutiert. In einer Zeit, in der schwarze Charaktere in Film und Fernsehen immer noch den Eindruck erwecken, als würden sie nur quotenmäßig Platz finden, ist das eine augenöffnende Erfahrung.

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Die Mauer muss weg! – Antirassistische Broschüre http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/08/21/die-mauer-muss-weg-antirassistische-broschuere/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/08/21/die-mauer-muss-weg-antirassistische-broschuere/#comments Sun, 21 Aug 2016 10:16:43 +0000 cosmonautilus Antirassismus http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/08/21/die-mauer-muss-weg-antirassistische-broschuere/ Warum eine Welt ohne Grenzen möglich istDemonstrant*innen halten ein Transparent

Die sogenannte „Flüchtlings-Krise“ hält die deutsche Politik in Atem. Millionen Menschen auf der Welt suchen Schutz vor Krieg, Armut und Verfolgung. Doch anstatt auf diese Not zu reagieren, wird in Deutschlands Talkshows und an den Stammtischen der Untergang der Nation beschworen, während die Regierung beschwichtigt: „Wir schaffen das!“. Welche Bedrohung stellen die Geflüchteten für die deutsche Gesellschaft dar? Was wird passieren, wenn wir es „nicht schaffen“?

In einer Broschüre nehmen wir uns der zahlreichen Vorwände, Ausreden und Ängste an, die darauf gerichtet sind Flüchtlingen in Deutschland eine Zuflucht zu verwehren. Auf 26 Seiten argumentieren wir, warum von Flüchtlingen keine Bedrohung für die Gesellschaft ausgeht und dass die sogenannten Ängste nicht nur keine reale Grundlage haben, sondern meist auch von Rassismus geleitet werden. Mit dieser Broschüre möchten wir für eine Welt ohne Grenzen und das Recht auf Bewegungsfreiheit werben. So erklären wir auch, warum es überhaupt nicht so abwegig ist, Menschen da leben zu lassen, wo sie sich sicher und wohl fühlen und warum eine solche Welt für uns alle ein besserer Ort wäre.

Die Broschüre findet ihr sowohl hier im PDF-Format zum Herunterladen, als auch hier in einer Web-Version zum Anschauen.

Falls ihr die Broschüre gut findet und gerne in Papier-Form in den Händen halten oder sogar verteilen wollt, könnt ihr sie euch auch von uns gern zuschicken lassen. Schreibt uns dafür einfach eine E-Mail an cosmonautilus@riseup.net.

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…und wieder heißt es: Deutschland knicken! http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/06/03/und-wieder-heisst-es-deutschland-knicken/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/06/03/und-wieder-heisst-es-deutschland-knicken/#comments Fri, 03 Jun 2016 19:51:57 +0000 cosmonautilus Antinationalismus http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/06/03/und-wieder-heisst-es-deutschland-knicken/

Aus gegebenem Anlass hier wieder der Hinweis auf eine jahrelange, leider offenbar noch immer notwendige Tradition: Die Capture-the-Flag-Saison wurde eröffnet! Pünktlich zur Männer-Fußball-EM darf sich der Nationalismus wieder frei Bahn brechen und quillt aus allen deutschen Poren. Er sprießt auch in Form von Fähnchen, Wimpelketten und allerhand anderem schwarz-rot-gelbem Unsinn auf Autodächern, von Balkonen und an den Supermarktkassen.
Als kleinen Leitfaden zur Intervention in solchen Situationen haben wir die Broschüre „Deutschland knicken“ herausgegeben. Sie zeigt nicht nur, was der schwarz-rot-goldene Flaggen-Taumel anlässlich der EM und WM mit Nationalismus zu tun hat, sondern soll vor allem zu Spiel & Spaß bei der Befreiung des öffentlichen Raums von Nationalfähnchen anregen und gibt wertvolle Basteltipps, was sich mit den erbeuteten Stoffen alles anfangen lässt. In gedruckter Version ist die Broschüre leider vergriffen, aber weiter in digitaler PDF-Version verfügbar:

» Hier geht’s lang zur Deutschland-Knicken-Broschüre.

Außerdem noch ein Angebot zur Aufklärung unverbesserlicher Autobesitzer*innen: Der Autofahnen-Ersatzflyer. Fleißige Sammler*innen sollten ihn als kleine Nachricht hinterlassen, um möglicherweise einen Denkprozess anzuregen und zu erklären, warum Nationalfahnen nicht lustig sind.

» Zu den Kopiervorlagen der Autofähnchen-Ersatzflyer geht’s hier entlang.

Also ran ans jagen und sammeln!
Deutschland knicken!

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Zum Umgang der Linken mit Rassismus und Sexismus http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/01/10/zum-umgang-der-linken-mit-rassismus-und-sexismus/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/01/10/zum-umgang-der-linken-mit-rassismus-und-sexismus/#comments Sun, 10 Jan 2016 00:05:57 +0000 cosmonautilus Kritik Feminismus, Queer & Gender Antirassismus http://cosmonautilus.blogsport.de/2016/01/10/zum-umgang-der-linken-mit-rassismus-und-sexismus/ Die massenhaften sexualisierten Übergriffe am Kölner Hauptbahnhof haben eine heftige Debatte in der deutschen Medienlandschaft um Sexismus und Rassismus ausgelöst. Die linken Beiträge zu dieser Debatte fallen dabei jedoch leider sehr reflexhaft aus und bewegen sich meist zwischen Relativierung und Ablenkung. Wie aber sieht eine emanzipatorische Antwort auf die Ereignisse in der Silvesternacht aus, fernab rassistischer, verleumdender oder verschweigender Rhetorik?

Unmissverständlich klarzustellen ist zuerst, dass die öffentliche Debatte maßgeblich von Rassismus angefacht wird. Noch bevor klar war, ob es sich bei den Tätern um ausländische Staatsbürger handelt, um Menschen mit Migrationshintergrund oder Geflüchtete wurde bereits darüber nachgedacht, sie abzuschieben. Verdrängt wird dabei, dass Menschenrechte nicht durch Straftaten verwirkt werden können. Erst wenn das Asylverfahren eines Täters scheitert, darf überhaupt über eine Abschiebung nachgedacht werden. Denen, die laut nach Abschiebung schreien, geht es nicht um Frauenrechte und den Kampf gegen sexualisierte Gewalt, schließlich sind von restriktiven Abschiebegesetzen auch Frauen betroffen, die vor sexualisierter Gewalt geflüchtet sind. Hinzu kommt, dass Abschiebungen überhaupt keine Antwort auf Sexualstraftaten sein können. Dass Vergewaltiger nach ihrer Abschiebung weiterhin für Frauen, dann aber in den Herkunftsländern, eine Bedrohung darstellen, wird völlig ausgeblendet.

Die (radikale) Linke hat eine lange Tradition der Unfähigkeit, Antworten auf Problemstellungen zu finden, in denen unterschiedliche Herrschaftsverhältnisse in einem Widerspruch stehen. Das fängt an bei den Hauptwiderspruchstheorien des 20. Jahrhunderts und setzt sich fort beim Streit über den Nahostkonflikt bis hin zur regelmäßigen Preisgabe von feministischen Prinzipien zugunsten klassenkämpferischer oder antirassistischer Wirkung.

In einem viel diskutierten und umstrittenen Artikel von 2013 schreibt eine Betroffene auf der linken Diskussionsplattform Indymedia über ihre Vergewaltigungserfahrung im Kontext der Camp-Struktur des Oranienplatzes zu Zeiten der Refugee-Proteste. Darin berichtet sie nicht nur von ihrer eigenen Vergewaltigungserfahrung, sondern von einer Vielzahl von Belästigungen, sexuellen Übergriffen und sexualisierter Gewalt durch Refugees und Unterstützer, sexistischen Anmachen und Sprüchen, über Stalking bis hin zu Vergewaltigungen. Ihre Versuche, die Vergewaltigung zu thematisieren, enden in Täterschutz und Victim Blaming, eine sensible Auseinandersetzung oder gar ein Ausschluss des Täters finden nicht statt. Presse und Politik greifen das Thema auf und sprechen schließlich von einer „Falschmeldung“, als sich der Täter als Supporter herausstellt. Erleichterung – es war also kein Geflüchteter! Unangenehme Auseinandersetzungen bleiben erspart.

Die geschilderten Reaktionen im O-Platz-Umfeld spiegeln sich fatal wieder in vielen Reaktionen auf die Vorwürfe, wie sie in den Kommentaren zum Indymedia-Artikel beispielhaft werden. Der Betroffenen wird vorgeworfen, Vorurteile gegen Refugees zu nähren und ein Feindbild zu konstruieren, rassistische Stereotype werden attestiert. Mehrere Kommentator*innen mutmaßen, der Autorin ginge es darum, gezielt der antirassistischen Bewegung schaden zu wollen. Sie wird als naiv gescholten, ihr wird zum Vorwurf gemacht, die Thematik in die Öffentlichkeit zu tragen und die Problematik wird gar als nachrangig eingeschätzt, im Vergleich zu den Problemen der Refugees. Womit sich tatsächlich nicht auseinandergesetzt wird, sind die vielen Fragen, die der Artikel aufwirft: Was ist mit den Anmachen, Sprüchen, Annäherungen und Berührungen von männlichen Refugees/Supportern? Was ist mit den erwähnten Vergewaltigungsfällen und der Angst der Supporterin, bei Veröffentlichung solcher Fälle ihrer Aufgabe nicht gerecht werden zu können? Und was ist mit der Rape Culture der zahlreichen Kommentare, die der Autorin Rassismus und einen Verrat an der antirassistischen Bewegung unterstellen? Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, in linken, antirassistischen Kontexten sexualisierte Gewalt und Vergewaltigungen öffentlich zu machen. Die öffentliche Stellungnahme des Camps stellt die Erfahrungen der Betroffenen nicht in Frage, leugnet aber, dass es ein spezifisches Problem mit sexualisierter Gewalt im Kontext der Refugee-Soli-Arbeit gäbe.

Genau dies entspricht aber auch der Erfahrung der Autorin dieses Artikels. In Antira-Kontexten von männlichen (alleinstehenden) Refugees angemacht, belästigt und ständig nach einer Nummer gefragt zu werden, ist Teil dieser Verhältnisse, in denen wir aktiv sind und wird von vielen als Teil der Normalität wahrgenommen. Nur in den seltensten Fällen wird darüber offen geredet, reflexhafte Entschuldigung folgen auf verständnisvolle Erklärungen der Art: „Wenn sie nicht in Lagern leben müssten, wären sie auch anders“. Anmachen und Belästigungen oder gar Übergriffe in der Geflüchteten-Soli-Arbeit stehen noch einmal in einem besonders problematischen Licht, da die ehrenamtliche Care-Arbeit mit Geflüchteten zum Großteil von Frauen geleistet wird, während linke Männer sich vornehm anderen Aufgaben widmen.

Aus Angst vor Rassismus relativieren (deutsche) Linke immer wieder sexistische Taten von geflüchteten Personen, etwa mit dem Verweis auf die Perspektivlosigkeit junger migrantischer Männer und schieben die Verantwortung (allein) auf die rassistische deutsche Gesellschaft. Andere schweigen einfach dazu, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Widerspruch umgehen sollen. Dabei ist der Impuls nachvollziehbar. Die Gefahr, dass Rassist*innen auf den Zug aufspringen, ist real. Rassist*innen, die schon immer gewusst haben wollen wie reaktionär und frauenverachtend diese „Araber“ alle sind, obwohl sie gerade noch selbst die #Aufschrei-Debatte belächelt haben und sich aus letztlich kulturell-religiösen Argumenten gegen die Einführung der Homo-Ehe aussprechen.

Doch keine dieser Reaktionen bietet einen emanzipatorischen Ansatz, mit solchen Ereignissen umzugehen. In den seltensten Fällen gelingt der Spagat zwischen ursachenforschender, dem Hintergrund der Taten und der Lage der Täter angemessener Analyse und dem Anerkennen der Tatsache, dass diese Übergriffe eben von Männern bestimmter sozialer und kultureller Herkunft verübt wurden. Die Ignoranz von links fängt genau da an, wo ersteres (Ursachen erforschen, Hintergründe beleuchten) bei deutschen Tätern nicht praktiziert wird. Die Ignoranz von rechts fängt dort an, wo der Übergriff nur dann für wichtig und erwähnenswert empfunden wird, wenn es sich bei den Tätern um Migrant*innen, Geflüchtete oder allgemein Ausländer*innen handelt.

Auch das etablierte Definitionsmacht-Konzept zum Umgang mit diskriminierendem Verhalten stellt keine Lösung bereit. Definitionsmacht besagt, dass Betroffenen von sexistischer oder rassistischer Gewalt geglaubt werden muss, also ihnen die Definitionshoheit über die Geschehnisse eingeräumt wird. Was aber passiert, wenn ein von Rassismus betroffener Mann Definitionsmacht in Anspruch nimmt, genauso wie die weiße von Sexismus betroffene Frau? Hier liegen dann zwei Defma-Versionen vor: aus Sicht der weißen Frau hat der Mann sie auf übergriffige Weise angebaggert, aus Sicht des schwarzen Mannes hat die weiße Frau aus rassistischen Stereotypen ein übergriffiges Verhalten auf ihn projiziert. Je nachdem, welchem Herrschaftsverhältnis mehr Gewicht gegeben wird und welches mehr ausgeblendet und verharmlost wird, wird entweder der einen oder der anderen Seite geglaubt.

Eine Auseinandersetzung mit dieser Problemstellung findet jedoch nur selten statt (zuletzt sorgte ein Workshop zu Rassismus und Sexismus auf dem Kölner Noborder-Camp zu massiv repressiver Stimmung bis zum Camp-Ausschluss.) Wenn also noch nicht einmal die Widersprüche in der eigenen Szene-Politik aufgelöst und auf den Grundkonflikt eingegangen werden kann, um hier eine sinnvolle Antwort zu finden, dann ist das Schweigen oder Verklären einer komplexeren Gemengelage wie zur Zeit in Köln durch die Linke kein Wunder.

Bei der Auseinandersetzung um die Geschehnisse in Köln konzentrieren sich die linken Debattenbeiträge demnach wenig überraschend auf die Relativierung der Dimension der Übergriffe, etwa mit dem Verweis auf das Oktoberfest. Das zweiwöchtige Oktoberfest mit zwanzig Anzeigen zu sexualisierter Gewalt bei 6 Millionen Teilnehmern ist nicht dieselbe Qualität, wie über 150 Anzeigen auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz in der Silvesternacht. Das gilt auch für die Dunkelziffern. Besonders erschreckend ist jedoch das weitestgehende Ausbleiben feministischer Forderungen, wie sie zu erwarten wären, wenn es sich bei der betreffenden Gruppe betrunkener, übergriffiger Männer um zweifelsfrei „Biodeutsche“ gehandelt hätte. Und besonders Danken können Linke der Kölner Oberbürgermeisterin Reker, die mit ihrem Armlängen-Kommentar eine dankbare und unstrittige Ablenkung bietet. Gegen Victim-Blaming ist die linke Argumentation geschärft, entsprechend konzentrieren sich die linken Beiträge zur Debatte darauf. Was sie dagegen fast gar nicht thematisieren, sind die sexualisierten Übergriffe selbst.

Was also tun als Linke? Wie sieht eine Antwort aus, die sowohl die Gefahren des rassistischen Diskurses im Auge behält als auch an unseren emanzipatorischen, feministischen Prinzipien festhält?

Ein erster wichtiger Schritt ist es anzuerkennen, dass geflüchtete und migrierte Männer nicht das makellose revolutionäre Subjekt der (nächsten) Bewegung oder das Objekt des eigenen Helfersyndroms sind, sondern größtenteils aus Ländern migrieren und fliehen, in denen Frauen und andere Geschlechter eine wesentlich schlechtere Position in der Gesellschaft haben als in Mitteleuropa. Entsprechend ist eine höhere Wahrscheinlichkeit frauenverachtenden Gedankengutes zu erwarten.

Das muss sich in einem zweiten Schritt auch in der Analyse niederschlagen. In der linken Debatte und Theoriefindung herrscht gähnende Stille bei der Frage um spezifische Formen von Sexismus, etwa in deutsch-arabischen/-islamischen Communities und Refugee-Kontexten. Unter welchen Umständen kommen (junge) Männer mit Migrationshintergrund dazu, Frauen sexuell zu bedrängen und anzugreifen? Wenn die Herkunft – insofern ist die Hervorhebung und das Reden über die ethnische und soziale Herkunft der Männer entscheidend – eine Rolle spielt, wo sind dann die Ursachen in der entsprechenden Gesellschaft zu suchen? Wie groß ist die Rolle von sozialer Lage, Perspektivlosigkeit und das Single-Sein der Täter? Welche Rolle spielen Traumatisierungen, Verrohungen und Gewalterlebnisse? Woher kommt das patriarchale Denken dieser Täter? Fördert die Kollision von emanzipierten Frauen mit archaischen patriarchalen Rollenerwartungen misogyne Gewalt? Wie stark wird das patriarchale Denken und Handeln der Männer durch Religion, Kultur, Erfahrungen oder andere Faktoren befördert? Zentrale Aufgabe solcher Analysen muss immer auch sein, sich von rassistischen Pauschalisierungen klar und transparent abzuheben.

Gruppenspezifische Analysen von Unterdrückungsverhältnissen sind wertvoll und aufschlussreich, um diese Unterdrückungsverhältnisse begreifen und effektiv bekämpfen zu können und werden in einem umgedrehten Kontext völlig selbstverständlich betrieben. Etwa die Untersuchung der Rolle von Frauen im NS und in der Naziszene oder die spezifische Ausprägung von Rassismus und Antisemitismus bei Frauen.

Der dritte und wichtigste Schritt ist jedoch, feministisch in die Offensive zu gehen und gerade dadurch einer rassistischen Debatte den Diskursraum zu nehmen. Bei einem Ereignis wie in Köln gilt es unerschrocken das gesamte Arsenal feministischer Forderungen gegen Rape Culture auszurollen. Das bedeutet mehr als das Victim Blaming der weißen Bürgermeisterin anzugreifen, zum Beispiel die Forderungen nach Frei- und Schutzräumen von Frauen bei öffentlichen Veranstaltungen, das Einfordern einer großen öffentlichen Sensibilität gegenüber sexualisierter Gewalt (zum Beispiel bei Sozialarbeiter*innen, Polizist*innen, Richter*innen) oder die Forderung nach der Refomierung der Gesetzeslage, die es Frauen extrem schwer macht, Vergewaltigungen juristisch nachzuweisen. Immer noch gilt ein klar ausgeprochenes „Nein“ nicht als Nachweis einer Grenzüberschreitung. Dazu gehört aber auch die Forderung nach Frauen-Schutzräumen in Lagern und überhaupt die dezentrale Unterbringung von Geflüchteten. Eine feministische Offensive dieser Art kann geeignet sein, einer rassistischen Diskussion der Ereignisse den Raum zu stehlen. Damit kann es gelingen, emanzipatorische Forderungen in den Mittelpunkt zu stellen anstatt sich lediglich in antirassistischen Abwehrkämpfen aufzureiben. Grundsätzlich gilt es, eine politische Praxis zu finden, die darauf abzielt, Ereignisse wie in Köln zukünftig zu verhindern statt sie zu bagatellisieren.

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Kein Geld und kein Ticket – is nicht egal! http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/12/13/kein-geld-und-kein-ticket-is-nicht-egal/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/12/13/kein-geld-und-kein-ticket-is-nicht-egal/#comments Sun, 13 Dec 2015 21:48:29 +0000 cosmonautilus Praxis Kapitalismus & Krise http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/12/13/kein-geld-und-kein-ticket-is-nicht-egal/

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) versuchen schon seit einiger Zeit, sich mit einer hippen und vermeintlich selbstironischen Werbekampagne das Image eines toleranten, weltoffenen und urban-coolen Verkehrsunternehmens zu geben. Einen neuen Gipfel auf diesem Weg hat das Unternehmen in den letzten Tagen mit dem Clip-Remix „Is mir egal“ erreicht. Die Botschaft: Bei uns ist alles erlaubt – laute Musik, Zwiebeln schneiden und Käse reiben, Kisten, Regale und Pferde transportieren, Homosexualität und Transgender, du kannst anziehen oder aussehen was und wie du willst. Was nicht egal ist: Kein Geld und kein Ticket – da hört die Toleranz natürlich auf!

Nun könnte angemerkt werden, dass die aufgeführten Handlungen zur einen Hälfte modernen Grundrechten entsprechen, die von einem öffentlich wirkenden Unternehmen selbstverständlich umgesetzt werden sollten (auch wenn sich Kontrollettis – schon erlebt! – gern mal über den schwulen Ex-Bürgermeister aufregen, mit dem das ja alles nichts würde) oder zur anderen Hälfte durch die BVG-Beförderungsbedingungen untersagt sind (Musik machen, „offene Speisen“ mitführen, im Weg rumstehen… Und welches Ticket müsste ich eigentlich für das Pferd kaufen?). Interessant zu erwähnen wäre auch, dass der Interpret der Kampagne im Original seines vor einem Jahr bei YouTube bekanntgewordenen „Hits“ noch sang: „Keine Arbeit – Is mir egal! Keine Geld – Is mir egal! Zweite, dritte Mahnung – Is mir egal!“. Tja, Verkehrsunternehmen wie der BVG is das aber nicht egal. Kein Geld – kein Ticket!

Diesem kapitalistischen Normalzustand – dass nämlich Menschen, die sich kein Ticket leisten können oder wollen, in ihrer Mobilität beeinträchtigt werden – versuchen wir zur Zeit, praktische Maßnahmen zur Ermöglichung eines Fahrens ohne Fahrschein entgegenzustellen. Da es gerade nicht danach aussieht, als würde ein flächendeckender kostenloser Nahverkehr eingerichtet oder allen Menschen auf einem anderen Weg ein Grundrecht auf Mobilität zugesichert werden, bleibt es an uns und unserem zivilen Ungehorsam, dieses Recht allen zu ermöglichen. Einfachstes und sehr ergiebiges Mittel: Fahrscheinkontrollen in die Länge ziehen, damit Mitfahrenden ohne Ticket nicht erwischt werden und Kontrollen online zu melden und transparent machen (z.B. über den Twitter-Hashtag #bvgwatch oder die App Blackdriver). Unter dem folgenden Link findet ihr mehr Infos und Vorschläge dazu:

Weil wir dich lieben: Infos und Vorschläge zum Fahren ohne Fahrschein!

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Datenschutzmacht Deutschland http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/11/12/datenschutzmacht-deutschland/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/11/12/datenschutzmacht-deutschland/#comments Thu, 12 Nov 2015 17:26:01 +0000 cosmonautilus Kritik Antinationalismus Law & Order http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/11/12/datenschutzmacht-deutschland/ Nationalismus und Antiamerikanismus vernebeln den Blick auf das Problem moderner Massenüberwachung. Mit dem Hass auf Amerika wird der deutsche Staat entschuldigt. Neue Dokumente beweisen jedoch, dass dieser der Datensammelwut anderer Länder keineswegs nachsteht.

Sammlung antiamerikanischer Plakate und Zeitschriftenmotive zum Thema Überwachung
Mit den Veröffentlichungen von Edward Snowden über die Überwachungsinfrastruktur der amerikanischen und britischen Geheimdienste liegen Belege für eine Überwachung von Internet und Kommunikations-Infrastruktur in bisher ungekannten Ausmaße vor. Die zunehmende staatliche Kontrolle über das Internet ist ein gut bekanntes und politisch heftig umkämpftes Phänomen, trotzdem überrascht das augescheinliche Ausmaß der bestehenden Überwachungsmöglichkeiten selbst Sicherheits-Expert*innen und Netzaktivist*innen.

Die zentrale Überwachung und Auswertung der Internetaktivitäten und elektronischen Kommunikation des größten Teils der Weltbevölkerung ist eine Katastrophe für den Datenschutz und die Bürger*innenrechte. Linke, liberale und fortschrittliche Gruppen haben den Kampf gegen die Spitzelei und für Demokratie, Privatsphäre und Datenschutz völlig zu Recht zu ihrer Aufgabe gemacht und skandalisieren die Tätigkeiten von NSA (National Security Agency) und GCHQ (Government Communications Headquarters) seit deren Enthüllung.

Doch auch und gerade in der linken Debatte um Überwachung schwingen immer mehr nationalistische und antiamerikanistische Ressentiments mit. Im Folgenden wollen wir die problematischen Untertöne aufzeigen und eine emanzipatorische Überwachungskritik abgrenzen von einem Ressentiment, dass den Schulterschluss mit deutschem Staat und der EU sucht und versucht diese gegen eine verteufelte Weltmacht USA in Stellung zu bringen.

„Ami Go Home!“

Teile der überwachungskritischen Bewegung schaffen mithilfe eines amerikanischen Sündenbocks das Kunststück, ihre liberalen Grundüberzeugungen mit dem deutschen Staat zu versöhnen. Das geschieht entweder unter kompletter Ausblendung der Überwachungs- und Repressionsmaßnahmen des deutschen Staats oder mithilfe von Verschwörungsideologien, die das Handeln deutscher Politiker*innen und des deutschen Staats mit der Übermacht oder Unterwanderung der USA erklärt. Diese Bestrebungen, die deutsche Staatlichkeit zu rehabilitieren, reichen dabei traurigerweise von Rechts über die Mitte bis nach Links. Auf Naziseiten und einschlägig rechtsextremen Verschwörungsseiten wird klassisch gegen die „Volksverräter“ gehetzt, die das deutsche Volk an den Ami verkaufen würden. Doch auch im Spiegel wird von „Verrat“ fabuliert und das Handeln der Regierung und der deutschen Geheimdienste einem ‚wahren deutschen Interesse‘ gegenübergestellt. Als prominenter linker Vertreter wettert Gregor Gysi im Bundestag gegen das vermeintliche „Duckmäusertum“ der Bundesregierung und ruft diese zum Widerstand gegen das Diktat aus Washington auf.

Augenscheinlich kommt ihm nicht in den Sinn, dass eine Regierung, die alles erdenkliche unternimmt, um die verfassungsfeindliche Vorratsdatenspeicherung durchzusetzen, ihre Begeisterung kaum zurückhalten kann, wenn ein befreundeter Geheimdienst ohne frei von den eigenen juristischen Schranken die Daten liefern kann, auf die die deutschen Geheimdienste und Behörden scharf sind. Denn natürlich hat der deutsche Staat Zugang zu den Spionageprogrammen der NSA und des britischen GCHQ. Nachgewiesen ist dies für den Bundesnachrichtendienst und für die Bundeswehr. Die Bundesregierung und die deutschen Geheimdienste sind also nicht – wie von vielen Überwachungskritiker*innen unterstellt – das Opfer der NSA, sondern ihre willigen Komplizen. Zu dem Austausch gehört dementsprechend auch, dass die verbündeten Geheimdienste, wie der BND, die Lücken in der Überwachung der NSA füllen, ganz im Sinne eines einträchtigen Geben und Nehmens. Es sind also gerade „deutsche Interessen“, die mit dieser Geheimdienskooperation verfolgt werden.

„Abhören unter Freunden geht gar nicht!“

Den einzige Dämpfer für die Begeisterung des deutschen Staats über die Überwachungskapazitäten der NSA lieferte die Erkenntnis, dass auch die eigenen Eliten überwacht werden. Dass solche Überwachungsambitionen existieren, sollte niemanden ernsthaft überrascht haben. Aber der tatsächliche Grund, warum sich die deutsche Regierung in ihrer Empörung über ein „das geht aber nicht“ nicht hinaus wollte, ist wohl, dass sie selbst genug Dreck am Stecken hat. Die Veröffentlichung der Selektorenlisten, also der Schlagwörter des BND, die zur Abfilterung des Internetverkehrs genutzt wurden, haben mittlerweile offenbart, dass die Bespitzelung auf Gegenseitigkeit beruht. Der BND hat demnach in Eigenregie seit langem enge Verbündete, wie Frankreich oder UN-Organisationen abgehört und machte dabei selbstverständlich auch vor amerikanischen Behörden, wie der amerikanischen Bundespolizei FBI, nicht halt. Ähnlich wie im NSA-Skandal ist besonders brisant, dass auch eigene Staatsbürger*innen Opfer der Überwachung durch den Auslandsgeheimdienst waren.

„Stasi in die Produktion!“

Zu einem der wesentlichen Eckpfeiler des Selbstverständnisses liberaler Demokratien gehören – zumindest wenn sie ihrem eigenen Ideal entsprechen möchten – die Bürger*innenrechte. Die BRD grenzt sich in ihrem Selbstverständnis gerade dadurch von der DDR-Diktatur ab und hat die Freiheit von Massenüberwachung, wie sie die Stasi betrieben hat, zu einem Kernelement ihrer Staatsdoktrin gemacht. Um den eigenen Anspruch mit der Realität zu versöhnen, werden die Erscheinungen der Massenüberwachung nun vom deutschen Staat abgetrennt und auf den Sündenbock USA projeziert. Eine solche Kritik liefert nichts anderes als eine Entschuldigung und Verharmlosung des deutschen Staats und erweist einer überwachungskritischen Bewegung einen Bärendienst. Stattdessen gilt es immer wieder zu betonen: Das Problem sind nicht die USA und auch nicht die NSA im speziellen, sondern ein weltweiter Trend zur Ausbeutung moderner Kommunikationstechnik für die zunehmend totale Überwachung der Bevölkerung in praktisch allen technisch fortgeschrittenen Ländern der Welt. Eine überwachungskritische Bewegung in Deutschland hat sich als ersten Gegner den Bundesnachrichtendienst und (gerade im Zeichen der NSU) den Verfassungsschutz vorzunehmen. Eine Bemühung „deutscher Interessen“ hat dabei überhaupt nichts verloren.

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„Der Staat gegen Fritz Bauer“: Die Verfilmung eines Helden http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/11/11/der-staat-gegen-fritz-bauer-die-verfilmung-eines-helden/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/11/11/der-staat-gegen-fritz-bauer-die-verfilmung-eines-helden/#comments Wed, 11 Nov 2015 11:06:44 +0000 cosmonautilus Film & Popkultur http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/11/11/der-staat-gegen-fritz-bauer-die-verfilmung-eines-helden/

Schon der Titel des Filmes, der aktuell in den Kinos läuft, trifft es prägnant: Fritz Bauer kämpft als Generalstaatsanwalt in Hessen dafür, dass Nazis auf der ganzen Welt, aber vor allem in Deutschland, sich ihrer Vergangenheit stellen müssen und wird dabei leider von vielen Kräften im deutschen Nachkriegsstaat – auch jenen in der Staatsanwaltschaft selbst – bekämpft. Bauer war Jude und somit auch Opfer der Nazis und wusste um seine heikle Stellung als jüdischer Staatsanwalt in einem Deutschland, welches sich der Aufarbeitung seiner Geschichte verweigerte.

Der Film beginnt für all jene, die Bauers Leben und Tod kennen, eigentlich mit seinem inszenierten beinahen Ableben. Zu viel Alkohol und Schlaftabletten lassen den „General“ fast in seiner Badewanne ertrinken, bis ihn dort sein Fahrer findet und rettet. In der Tat ereignet sich Fritz Bauers Tod in der Badewanne, bei dem man mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass es weder Mord noch Suizid war. Anders als die Szene also zunächst vermuten lässt, hatte Bauer nicht die Absicht, sich umzubringen.

Der Generalstaatsanwalt bekommt eines Tages einen Brief von einem nach Argentinien ausgewanderten ehemaligen KZ-Häftling namens Lothar Hermann. Dieser berichtet ihm, Adolf Eichmann, Organisator des Holocausts, unter falschem Namen in Buenos Aires entdeckt zu haben. Hermanns Tochter hätte eine Romanze mit dem Sohn Eichmanns gehabt. Für Fritz Bauer ist das die richtige Spur, auch wenn es noch viel Kraft und Mühe kosten soll, ihn zu fassen. Dabei ist äußerste Vorsicht geboten, denn sowohl in den Behörden als auch im restlichen Teil des deutschen Staates und der Gesellschaft befinden sich viele ehemalige Nazis, die kein Interesse an einer Erfassung oder gar einem Verfahren gegen Eichmann haben. Da die Jagd auf Nazis mit diesen Behörden nicht möglich ist, wendet er sich an den israelischen Geheimdienst.

Karl Angermann scheint Bauers einziger Verbündeter in der Staatsanwaltschaft zu sein. Der junge Neuling arbeitet für und mit Bauer und stellt den Kontakt zu einem zwielichtigen Journalisten her, der eine zweite unabhängige Quelle darstellen soll, um dem Mossad den sicheren Beweis zu liefern, dass sich Eichmann unter dem Namen Ricardo Klement in Argentinien aufhält. Der Journalist erfüllt seinen Auftrag und Bauer übergibt an den Mossad. Dieser entführt Eichmann und fliegt ihn nach Israel aus. Bauers Antrag auf Auslieferung nach Deutschland wird nicht stattgegeben, stattdessen wird Eichmann in Jerusalem angeklagt und hingerichtet.

Karl Angermann verkörpert einerseits die drei jungen Staatsanwälte, die Bauer zuarbeiteten, und andererseits Bauers Homosexualität. Angermann ist verheiratet, verspürt aber eine gewisse Unsicherheit und holt Bauers Rat wegen eines Falls wechselseitiger Onanie ein, den er vor Gericht anklagen muss. Als Bauer ihm dabei nahelegt, durch einen juristischen Kniff ein nahezu nichtiges Strafmaß statt den damals üblichen sechs Monaten Haft zu fordern, wird klar, dass beide gleiche Interessen verfolgen. Nach besagtem Prozess wird Angermann von einer Freundin des Angeklagten empfohlen, sich mal im Nachtlokal „Kokett“ umzuschauen, was Angermann nach langem Zögern auch tut. In der queeren Bar verliebt er sich in eine Sängerin. Diese Szene ist aus queerpolitischer Sicht interessant, denn die festen Grenzen zwischen weiblich und männlich werden in Frage gestellt – als Angermann mit der Sängerin schlafen will, offenbart sie ihren Penis. Die Affäre wird Angermann allerdings zum Verhängnis, er wird erpresst und entscheidet sich, seine „Taten“ selbst anzuzeigen.

Fritz BauerMittels eines Tricks versucht der Film hier, Bauers Homosexualität zu thematisieren und das Nicht-Darstellbare sichtbar zu machen. Unter anderem wurde er im dänischen Exil von der Sittenpolizei mit einem Prostituierten erwischt, jedoch bietet Bauers Leben kaum bzw. keine uns bekannten Möglichkeiten, seinem Begehren nachzugehen. Im Dritten Reich als Jude verfolgt, floh er nach seinem KZ-Aufenthalt nach Dänemark und weiter nach Schweden. Nach dem Exil gelangte er durch alte SPD-Connections in die Position des hessischen Generalstaatsanwalts, war dort aber so angreifbar wie eh und je. Ein schwuler Jude? Undenkbar für die damalige Zeit, der §175 wurde auch erst 1994 offiziell abgeschafft und so lange galt für Bauer eine klare Prioritätenliste: Nazis vor Gericht stellen und ihnen den Prozess machen, um die Deutschen mit ihrer Schuld zu konfrontieren, nicht aber sich für Homosexuelle einzusetzen. Sein Jüdisch-Sein konnte er nicht leugnen, über seine Sexualität aber ließ er nichts an die Öffentlichkeit gelangen. Stattdessen forderte er das zu der Zeit übliche Strafmaß für homosexuelle Handlungen, nicht weniger und nicht mehr. Die Szenen im Film mit Karl Angermann und des Entdeckens heimlicher Verbündeter ist also frei erfunden und dient lediglich der Thematisierung. Dadurch wird die tatsächliche Einsamkeit Bauers etwas abgeschwächt. Auch wird nicht erwähnt oder dargestellt, dass einer der drei jungen Staatsanwälte ihn verriet und, nach dem er bei Bauer keine Karrierechancen mehr sah, als Strafverteidiger für ehemalige Nazis arbeitete.

Der Film ist an einigen Stellen humoristisch unterlegt. Das ist nicht schlecht, um erstens das ernste Thema etwas aufzulockern und zweitens Bauer nicht in einem rachsüchtigen, verbitterten Licht erscheinen zu lassen. Das war er nämlich bei Weitem nicht, seine Theorien zu „Strafe“ sind durchdacht und alles andere als vorherrschende Rechtsauffassung. Er setzt auf Resozialisation statt Rache; er ist durch und durch Pädagoge, der die Angeklagten nicht einfach wegsperren will, sondern ihnen die Folgen ihrer Taten vor Augen führen will. Nun weiß aber auch Bauer, dass von den damaligen SS-Männern, Wächtern und sonstigen Verantwortlichen wohl kaum wieder einer „rückfällig“ werden würde, sondern diese sich längst in der neuen Bundesrepublik wohl fühlten und im bürgerlichen Leben angekommen waren. Auschwitz-Lageradjutant Robert Mulka und der für seine Brutalitäten bekannte Wilhelm Boger arbeiteten als Kaufmänner, während andere Briefträger und Ärzte waren. Warum also überhaupt noch einen Prozess gegen dann letztlich doch nur wenige Verantwortliche führen? Bauer wollte den Deutschen zeigen, was sie in ihrer Gesamtheit und nicht nur Einzelne von ihnen getan hatten und warum eigentlich viel mehr vor Gericht stehen müssten. Klar, selbiges Ziel hatten auch schon die Nürnberger Prozesse gehabt, waren allerdings von den Alliierten durchgeführt worden und somit für viele Deutsche als „Siegerjustiz“ in die Geschichte eingegangen.

Bauer aber versuchte die Deutschen ganz direkt mit ihrer Schuld zu konfrontieren und nutzte die Bühne des Gerichts hierfür.

„Der Staat gegen Fritz Bauer“ ist ein lohnenswerter Film für all jene, die sich in den Nazi-Mief der Bundesrepublik bis in die 60er Jahre hineindenken wollen, für Jurist_innen, die sich auch gern mal mit Pädagogik auseinandersetzen und für alle Antifaschist_innen!

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Weltmeister im Sorgen http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/10/31/weltmeister-im-sorgen/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/10/31/weltmeister-im-sorgen/#comments Sat, 31 Oct 2015 21:07:31 +0000 cosmonautilus Kritik Antinationalismus Antirassismus http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/10/31/weltmeister-im-sorgen/ Deutschland ist überfordert! Der Umgang mit seinen Rassist*innen drängt das Land an den Rand seiner Möglichkeiten. Aber wie lässt sich die Krise bewältigen? Können wir das überhaupt schaffen? Nicht besorgte Bürger*innen müssen ernst genommen werden, sondern ihr Rassismus in Form vorgeschobener „Sorgen und Ängste“ – Asyl und Menschenrechte sind nicht verhandelbar!

Teile des deutschen Volkes nehmen die Situation dieser Tage gern selbst in die Hand. Wie weggeblasen scheint das Delirium der Politikverdrossenheit, denn nun lässt sich wieder was verändern. Subjekt all des Unmuts sind die Bedrohungen, die Deutschland ins Haus stehen: Flüchtlinge, Fremde überschwemmen die Heimat; sie bringen verrohte Sitten, Kriminalität und viele Kinder und untergraben damit unsere kulturellen Werte.

Die Antworten darauf zeigen sich vielfältig. Die meisten der „Besorgten“ hatten bisher noch keinen engen Kontakt mit den neuen Fremden und sorgen mit Abendspaziergängen dafür, dass das am Besten auch so bleibt. Manche fordern für den Umgang mit Flüchtenden mehr direkte Demokratie, sie würden die Asyl- und Menschenrechte also am Liebsten gleich selbst per Volksentscheid abschaffen. Andere wiederum sehen die vermeintlich politisch Verantwortlichen für die gegenwärtige Lage lieber am Galgen baumeln. Am Besten gleich aufgeknüpft neben der Lügenpresse; es stört, dass zumindest die Medienlandschaft etwas aus der Situation Anfang der Neunziger in Deutschland gelernt hat, als unter lautstarkem Beifall die ersten national befreiten Zonen geschaffen wurden. Und auch das ist wieder weit verbreitet: Täglich folgen den Worten Taten, werden Flüchtende angegriffen, ihre „Verteilung“ blockiert, Unterkünfte in Brand gesteckt.

Nährboden dieser menschenverachtenden Ideologien und Taten ist der lautstarke Diskurs „besorgter Bürger*innen“ und völkischer Gruppen – ein rassistisches Konglomerat, welches sich selbst gern als „Asylkritiker“ und eine schweigende Mehrheit inszeniert. Leider gehört das Schweigen nicht wirklich zu ihren Stärken: Sie schreien die Überforderung herbei, sobald am Horizont ein Bus mit Geflüchteten auftaucht, sie finden allerorten Podium, krakeelen sich in die Medien und Gemeindeversammlungen, können sich selbst als Gruppe der Verlierer behaupten und haben am Ende immer noch das Gefühl, nicht gehört zu werden. Der Höhepunkt nähert sich, wenn sich politische Akteure bis in die tiefsten Reihen der ehemaligen Sozialdemokratie und auch der Grünen ein Wettrennen darum liefern, wer diese Belange am ernstesten nimmt. AfD und Pegida haben den Rassismus in der deutschen Politik wieder salonfähig gemacht und dienen nun als Stichwortgeber für etablierte und regierende Parteien.

Und wie Anfang der Neunziger wurde nicht lange gezögert, eine heftige Asylrechtsverschärfung durchzusetzen, als wäre das Recht auf Asyl ein hübsches Aushängeschild für gute Zeiten, welches bei rauem Wind schnell wieder eingeholt werden kann. Genauso schnell wurden wieder Grenzkontrollen eingeführt und Zäune gebaut. Immer mehr verfestigt sich die menschenverachtende Logik, dass nur noch denen Asyl gewährt wird, die es durch Mittelmeer, Frontex, Stacheldraht und Grenzkontrollen geschafft haben. Ebenso die perfide Selektion von nützlichen und vor wirklicher Not Fliehenden auf der einen Seite und den schmarotzenden „Wirtschaftsflüchtlingen“ auf der anderen. Was ist schon der alltägliche Antiziganismus gegen eine Bürgerkriegserfahrung in Syrien!

Trotzdem wird der Bundesregierung für ihre Flüchtlingspolitik in diesen Tagen permanent der Ruf von Herzlichkeit, Wohltat und Menschenfreundlichkeit hinterhergetragen, sogar der Friedensnobelpreis stand zur Debatte. Was für ein absurdes Bild in einer Zeit, in der die über Jahrzehnte herangewachsenen zarten Knospen von Asylrecht und der Auflösung von EU-Binnengrenzen innerhalb weniger Wochen komplett zerstört werden, sich EU-Staaten komplett abschotten und auch in Deutschland wieder Grenzkontrollen eingerichtet werden. Wer auch immer auf die Idee kam, der Haltung der Bundesregierung lägen herzliche Motive zu Grunde, liegt falsch, denn es ist schlicht die Einsicht (wie Angela Merkel selbst betont), dass sich Flüchtlinge von Zäunen und Grenzschutz nicht aufhalten lassen.

Das deutsche Image profitiert dabei vor allem von zwei Faktoren: Der Stellung als „good-guy“ in der EU und dem massenhaften ehrenamtlichen Engagement der Zivilgesellschaft (der Gegenspielerin der „schweigenden Mehrheit“). Ersteres funktioniert vor allem über die öffentlich heftig artikulierte Abgrenzung zu den „bad-guys“. Hier treten die „aufnahmeunwilligen“ osteuropäischen Staaten hervor, im Zusammenhang mit der neuen europäischen Binnen-Abschottung besonders aber auch Ungarn, wo Flüchtlinge als erstes im inneren Europas einer militarisierten Grenzverteidigung gegenüberstanden und mit Wasserwerfern nach Kroatien oder Serbien zurück gespült wurden. Die deutsche Kritik an diesen Maßnahmen lässt sich jedoch leicht als Versuch entlarven, der eigenen Grenzpolitik eine weißere Weste zu verschaffen: So begleitete Frontex den Bau des Grenzzauns und die deutsche Bundespolizei hilft dem ungarischen Grenzschutz bereitwillig bei der „Flüchtlingsabwehr“. Inzwischen ist es sowieso nicht mehr der Rede Wert, dass Deutschland anderen Staaten bei der Sicherung ihrer EU-Binnengrenzen hilft – weiter verfestigt sich das Asylrecht nur für diejenigen, welche ihre Reise nach Deutschland geschafft und überlebt haben.

Der zweite Punkt deutscher Imageförderung – das zivilgesellschaftliche Engagement – ist etwas komplizierter. Schließlich befinden sich die angekommenen Geflüchteten meist in einer absolut prekären Notsituation, da die Strukturen für ihre Unterbringung nicht rechtzeitig geschaffen wurden und eine Inklusion in die Gesellschaft strukturell unmöglich scheint oder gar nicht erst gewünscht ist. Der Gegenpol zum rassistischen Mob engagiert sich vor allem in der Flüchtlingshilfe und organisiert Kochabende, Deutschsprachkurse, spendet Kleider, Lebensmittel und Hygieneartikel und übernimmt damit leider oft auch Aufgaben, die eigentlich in Behördenverantwortung liegen – der Staat kann sich weiterhin als macht- und mittellos darstellen. Hinzu kommt, dass das tausendfache Helfen und zivilgesellschaftliche Engagement zur Konstruktion eines „hellen“, d.h. freundlichen und offenen Deutschland missbraucht wird, praktisch als eine Art karitativer Patriotismus. Leider steht dahinter der gleiche Staat, der das ganze Elend durch Kapitalismus und Wohlstand auf Kosten anderer, verfehlte Außenpolitik, Waffenlieferungen an autokratische Akteure, Ausgrenzung, strukturellen Rassismus und dergleichen erst mit geschaffen hat. Als Ausweg erscheint eine Politisierung ehrenamtlicher Akteure, damit diejenigen, die heute notgedrungen staatstragend helfen, morgen mit gegen den Staat und die Zustände kämpfen, die das kalkulierte Elend erst mit herbeigeführt haben.

Und was ist nun mit dem Umgang mit besorgten, „asylkritischen“ Bürger*innen? Viele Menschen fühlen sich nicht mehr repräsentiert, Demokratie und so!

„Besorgte Bürger“ ernst zu nehmen nimmt das Problem selbst – nämlich ihren Rassismus und die dahinter stehende völkische Ideologie – nicht ernst. Hier artikulieren sich einzig abstrakte Ängste vor dem Fremden, schnell verknüpft mit eigenen Verlustängsten. Leider findet dieser Rassismus leicht Anklang in der deutschen Flüchtlings- und Asylpolitik, welche die Sorgen in anderer, oft abgrenzender Rhetorik teilt und entsprechende Maßnahmen wie die letzte Asylrechtsverschärfung ergreift. Manche der „Betroffenen“ wurden tatsächlich „einbezogen“ und konnten sich ihre Lieblingsflüchtlinge gleich selbst aussuchen; bisweilen wird die Unterbringung von Flüchtenden ganz verhindert. Aber Asyl und Menschenrechte sind nicht verhandelbar! Ansatzpunkt kann nicht die gegenseitige Aushandlung, sondern die Vermittlung von Maßnahmen sein, also die rassistischen „Interessen des Volkes“ nicht zu berücksichtigen, sondern zu Vermitteln, dass Aufnahme und Inklusion von Geflüchteten eine gesellschaftliche Aufgabe ist und beinhaltet, Menschen mit dem Fremden konfrontieren. Das erfordert eine heftige Verschiebung des öffentlichen Diskurses, vor allem, über Vorurteile aufzuklären und darüber, was das Problem an „Asylkritik“ und völkischer Ideologie ist, über Probleme zu debattieren, statt sie herbeizureden und den deutschen (und europäischen) Rassismus als solchen zu problematisieren. Alles in allem heißt es also: Die Deutsche Volkssoße mal so richtig kräftig durchrühren!

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Auf nach Nauen. http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/08/25/auf-nach-nauen/ http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/08/25/auf-nach-nauen/#comments Tue, 25 Aug 2015 12:44:56 +0000 cosmonautilus Antirassismus Veranstaltungen http://cosmonautilus.blogsport.de/2015/08/25/auf-nach-nauen/ Es sind Zeiten in denen man morgens aufwacht und sich nur noch fragt, ‚wo‘ und nicht ‚ob‘ eine Asylunterkunft angegriffen wurde.

In der letzten Nacht brannte eine eine geplante Flüchltingsunterkunft in Nauen (bei Berlin) komplett aus. „Es handelt sich vermutlich um vorsätzliche Brandstiftung“ so lässt sich der Brandenburgische Innenminister vom RBB zitieren. Es ist nur einer von viel zu vielen Fällen, in denen Rassist*innen zu Gewalt und zum Benzinkanister greifen, um ihr totalitäres Menschenbild mit allen Mitteln durch zu setzen.

Heute Abend gibt es eine Kundgebung, die auf den Brandanschlag aufmerksam machen soll und den Rassist*innen zeigen soll, dass ihr Handeln auch für sie Konsequenzen haben wird. Die Straße darf den Rassist*innen nicht überlassen werden.

Heute Abend, 18 Uhr, Waldemardamm in Nauen (5min vom Bahnhof).

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