Keine Hektik – solidarisch Bahnfahren.

Montag morgens in der Bahn. Die Bahn ist überfüllt. Zahlreiche Menschen zwängen sich in die Waggons. Nachdem sich die Türen geschlossen haben, rufen drei mittelmäßig gelaunte Personen: „Die Fahrscheine bitte!“ In vorauseilendem, fast schon militärischem Gehorsam holen alle ihre Fahrscheine heraus, schaffen den Kontrolleur*innen eine Gasse und erleichtern ihnen so die Arbeit. Menschen ohne Fahrkarte haben keine Chance.

Es gibt viele Gründe warum man keine gültige Fahrkarte besitzt: Zum Beispiel zwei Euro siebzig, denn nicht jede*r kann sich ein Ticket leisten. Regelmäßig werden die Fahrpreise erhöht. In den letzten Jahren waren es durchschnittlich 10 Cent pro Jahr. Der öffentliche Personen-Nahverkehr wird so immer mehr zum Luxus. Der kostenpflichtige Nahverkehr grenzt also Menschen mit – aus welchen Gründen auch immer – weniger Einkommen aus, in dem er ihre Bewegungsfreiheit einschränkt. Kontrolleur*innen sind Teil dieses ungerechten und ausschließenden Systems. Dass Menschen, die sich kein Ticket leisten können, für ihre Armut mit 60€ „erhöhtem Beförderungsentgelt“ bestraft werden, ist absurd.

Die kapitalistische Logik ist allgegenwärtig im Privatleben eines jeden Menschen. So allgegenwärtig, dass sie unhinterfragt befolgt wird. So allgegenwärtig, dass die gesamte Bahn in vorauseilendem Gehorsam den Blick von ihrem Smartphone hebt und die Lektüre ihrer Zeitschriften und Bücher unterbricht.

Doch warum eigentlich? Warum machen wir alle mit? Warum sich nicht einfach mal Zeit lassen, so dass Menschen ohne Ticket den Kontrolleur*innen entwischen können?

Kontrollettis? Keine Hektik!

Fahren ohne Fahrschein organisieren!

Selbstverständlich wäre es wünschenswert, dass der ÖPNV der kapitalistischen Verwertungslogik entzogen wird und ein für alle kostenloser Nahverkehr eingerichtet wird – aber in der aktuellen politischen Lage scheint diese Forderungen weit entfernt von der Umsetzung zu sein. Als Individuum scheint man diesem kapitalitischen Normalzustand hilflos ausgeliefert zu sein. Dennoch sollte man sich von der eigenen Ohnmacht nicht unterkriegen lassen. Auch wenn das Ende des gesamten Systems – für das Kontrollen, Kontrolleur*innen und Fahrscheine nur ein Symptom sind – nicht absehbar ist, darf man nicht stillschweigend dabei zuschauen, wie Armut bestraft und freie Mobilität eingeschränkt wird. Fahren ohne Fahrschein muss möglich gemacht und organisiert werden!

Am einfachsten geht das über’s Internet. Soziale Medien beispielsweise haben einen entscheidenden Vorteil, der sich bereits bei diversen Protesten weltweit gezeigt hat: Schnelle Kommunikation und die einfache Möglichkeit der Partizipation. Dort gibt auch bereits Versuche, diese Vorteile für die Organisierung eines Fahrens ohne Fahrschein zu nutzen. Ein gutes Beispiel für Berlin sind der Twitter-Hashtag #BVGwatch oder die Facebook-Gruppe „BVG Frühwarnsystem Berlin“. Das Konzept dahinter ist simpel: Kontrollen werden gemeldet, um Menschen die Möglichkeit zu geben, diese zu umgehen. Wenn ihr könnt, meldet auf jeden Fall auch selbst Kontrollen in diesen Gruppen! Leider kommt es übrigens auf diesen Plattformen immer wieder zu ausfälligen und diskriminierenden Kommentaren, vor allem Kontrolleurinnen gegenüber – am Ende dieser Seite könnt ihr nachlesen, wie das auch anders geht bzw. wie ihr Kontrollen am Besten meldet.

Ein ähnliches Konzept wie Twitter- oder Facebook-Meldungen verfolgt auch die kostenlose App Blackdriver, in die man – für jede größere Stadt – Kontrollen eintragen kann. Derzeit wird die App noch von zu wenigen Menschen genutzt; sie könnte aber, je mehr Menschen sie nutzen, ein gutes, zukunftsfähiges Konzept sein.

Auch die Kampagne „Ticket teilen“ der NaturFreunde soll auf das Thema aufmerksam machen. Hier wird dazu aufgerufen, Menschen mit dem eigenen Ticket mitfahren zu lassen. Das ist manchmal einfacher als gedacht, denn was viele nicht wissen: Ein Monatstickets also „Die VBB – Umweltkarten“ beinhalten die „Mitnahme von einem Erwachsenen und bis zu drei Kindern von 6 bis einschließlich 14 Jahren montags bis freitags ab 20:00 Uhr sowie samstags, sonntags, am 24. und 31. Dezember sowie an gesetzlichen Feiertagen ganztägig“. Das heißt: Es ist ohne weitere Umstände einfach möglich, mit dieser Karte Menschen kostenlos mitzunehmen. Um darauf aufmerksam zu machen, hat die Kampagne der Naturfreund*innen vorgeschlagen, einen Button an der Jacke zu tragen, um genau diese Bereitschaft zu zeigen.

Außerdem stimmt bei Fahrscheinkontrollen definitiv die Erkenntnis, dass Kleinvieh auch Mist macht. Wie wir bereits beschrieben haben, schaffen bereits kleine Verzögerungen im routinierten Ablauf der Fahrscheinkontrollen Fahrenden ohne Fahrschein die Möglichkeit zu entwischen. Kontrollen werden häufig von zwei Personen in zivil durchgeführt, eine steigt in den vorderen und eine in den hinteren Teil des Waggons ein. Verzögerungen von Ticketbesitzer*innen können beide aufhalten, sodass für alle ohne Fahrschein genug Zeit vorhanden ist, an der nächsten Station auszusteigen. Eine größere Gruppe von Ticketbesitzenden kann ohne Problem durch kleinere Verzögerungen beide lang genug aufhalten, sodass für alle ohne Fahrschein genug Zeit vorhanden ist, an der nächsten Station zu entkommen.

Wir glauben – wie oben bereits geschrieben – nicht, dass der kapitalistische Staat ein Interesse an einem kostenlosten ÖPNV hat. Aus diesem Grund möchten wir dem Kapitalismus eine Praxis entgegensetzen, die ohne Staat, Sachzwänge und Parlamente funktioniert – zumal der Glaube, dass Staat und Kapital gegen einander auszuspielen seien, doch reichlich illusorisch ist. Die von uns aufgezeigten Möglichkeiten sind nur ein paar Versuche, das Fahren ohne Fahrschein zu organisieren oder möglich zu machen, im System Nischen zu finden und so den Alltag einiger Menschen erheblich zu verbessern und zu weiteren Aktionen zu inspirieren.

Bewegungsfreiheit ist ein Grundrecht, das gegen die Interessen von Staat & Kapital umgesetzt werden muss und kann!

Kleiner Exkurs: Das Melden von Fahrscheinkontrollen

Abneigung und Feindseligkeit gegenüber Kontrolleurinnen und Kontrolleure ist gesund, denn das hilft euch, ihre Autorität ins Leere laufen zu lassen und definitiv haben sich diese Leute auch den falschen Job gesucht. Das rechtfertigt aber noch lange nicht, sie diskriminierend anzugehen, Sexismus gegenüber Kontrolleurinnen auszupacken oder beim Melden der Fahrscheinkontrolle irgendwelche anderen Abfälligkeiten zu twittern. Don‘t Fight the Player, Fight the System!

Eigentlich ist es ganz einfach: Wichtig zu melden sind der Ort der Kontrolle, also Linie und Bahnhof/Haltestelle, manchmal kann auch die Richtung nützlich sein, am Besten die Uhrzeit und Infos dazu, wer und wie viele Leute kontrollieren. Das kann (z.B. bei Twitter) so aussehen:

  • #Kontrolle in der #u7 Richtung Rudow, ein Mann mit Basecap, eine Frau mit gelbem Shirt, sind gerade Hermannplatz ausgestiegen #bvgwatch
  • 1504 #kontrolle in der #s1 nähe Schöneberg, mindestens ein Mann mit roter Jacke. #bvgwatch
  • Fahrkartenkontrolle Bahnsteig U8 auf dem Alexanderplatz. Kontrollieren Aussteigende. BVG-Uniform. #bvgwatch
  • 11:48 Fahrkartenkontrolle Friedrichstraße U6 aufm Bahnsteig. 10 Kontrolleur*innen plus Polizei #BVGWatch #weilwirdichlieben
  • 2023 #KonTrolle U7 gerade Möckernbrücke, junger Mann mit karierter Jacke #bvgwatch